Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 16.09.2019


Kunst

Museion Bozen: Internationaler Wind gegen die Nabelschau

Mit Bart van der Heide steht ab 2020 der ehemalige Chefkurator des Stedelijk an der Spitze des Museions in Bozen; er soll den „Blick von außen“ bringen.

Ab 2010 leitete van der Heide den Kunstverein München, 2015 wechselte der heute 44-Jährige als Hauptkurator ins Stedelijk-Museum.

© BlomqvistAb 2010 leitete van der Heide den Kunstverein München, 2015 wechselte der heute 44-Jährige als Hauptkurator ins Stedelijk-Museum.



Von Barbara Unterthurner

Bozen – Man hatte länger gebraucht als vorgesehen. Eigentlich sollte die neue Leitung am Museion, dem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Bozen, längst zur Arbeit geschritten sein. Ein Arbeitsbeginn im Juni dieses Jahres war bei der Ausschreibung zur Nachfolge von Noch-Direktorin Letizia Ragaglia 2018 eigentlich angedacht; die Südtirolerin, die das Museion seit 2010 leitet, hatte die durch Stiftungsstatuten mit acht Jahren festgesetzte zeitliche Begrenzung der Beauftragung als Direktorin erreicht und muss wohl oder übel das Haus verlassen.

Anfang dieses Jahres gab Museion-Präsidentin Marion Piffer-Damiani dann aber bekannt: Ragaglia bleibt, zumindest bis Mai 2020. Drei potenzielle Nachfolger waren in der Finalrunde zwar gefunden worden, die Verhandlungen konnten aber nicht abgeschlossen werden, hieß es aus Bozen. Das heizte die Südtiroler Gerüchteküche an: Werden die Statuten etwa geändert, damit Ragaglia bleibt? Die Direktorin hatte sich immerhin einen guten Namen gemacht, das Haus nach dem Eröffnungsskandal um überzogene Budgets und eine Kippenberger-Frosch-Affäre international vernetzt. Dass der Holländer Bart van der Heide, kommend vom berühmten Stedelijk-Museum in Amsterdam, wo er als Chefkurator tätig war, nun schlussendlich das Museion übernehmen wird, kam vor rund zwei Monaten für viele überraschend.

Und dann ging alles plötzlich sehr schnell: Vergangene Woche wurde der Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher offiziell der Presse vorgestellt. Obwohl er erst am 1. Juni 2020 sein Amt antreten wird, geht die Recherche bereits diesen Herbst los. Zu welchen Themen van der Heide recherchieren wolle, das ließ sich der Ex-Leiter des Münchner Kunstvereins im Gespräch nur ansatzweise entlocken: Wie sich die Digitalisierung auf die Emotionalität auswirkt, sei etwa eine Fragestellung, für die er sich aktuell interessiere.

Sehr wichtig sei ihm in jedem Fall die enge Zusammenarbeit mit Künstlern. „Mit seinem eigenwilligen Programm hat sich das Museion einen besonderen Namen gemacht. Es wurde stets viel Wert auf Neuproduktionen gelegt“, betont van der Heide. „Natürlich auch mit seinem international vernetzten Arbeiten und seinen Erwerbungen“, lobt van der Heide auch das Vorgehen der scheidenden Direktorin Ragaglia.

Sie hatte in ihrer Ausstellungshistorie am Museion thematische Schwerpunkte gesetzt: So fühlte sie mit Künstlerstars wie Rosemarie Trockel, Isa Genzken, aber auch mit jüngeren Positionen von Rossella Biscotti, Tatiana Trouvé oder Teresa Margolles der weiblichen Sicht auf die Gegenwartskunst nach und hinterfragte mit Schauen zu Carl Andre, Carol Bove oder John Armleder die Entwicklung des Skulpturenbegriffs. Eine eingeschlagene Richtung, die sich auch in die Ankaufpolitik des Museums einschrieb, und eine, die van der Heide nicht ignorieren will – aber doch „auf eigene Art und Weise“ weiterführen möchte.

Die hauseigene Sammlung werde laut dem niederländischen Ausstellungsmacher eine besondere Rolle in seiner zukünftigen Arbeit spielen, dafür solle sie auch noch besser wissenschaftlich aufbereitet werden, verrät er. Eine Verbindung von Gegenwart und Geschichte sei für ein zeitgenössisches Museum ebenso unerlässlich wie das Ansprechen unterschiedlicher Publikumsschichten.

„Bart van der Heide bringt eine neue Perspektive von außen nach Südtirol“, betonte Präsidentin Piffer-Damiani bei der offiziellen Vorstellung. Deshalb habe man ihn ausgewählt, um einer möglichen Nabelschau entgegenzuwirken. Ein Vorsatz, der nicht allen gleich essenziell erscheint, sorgte sich die anwesende, heimische Presse zunächst doch mehr um die fehlenden Italienischkenntnisse und den holländischen Akzent des Niederländers als um seine Ideen und Pläne.




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