Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 20.09.2019


Kunst

Praxis mit sechs Vorzimmern

Multimediale Selbstdurchbohrungen von Clemens Krauss im Kunstraum Innsbruck.

Clemens Krauss als „gehäuteter“ Jugendlicher.

© B. BorchardtClemens Krauss als „gehäuteter“ Jugendlicher.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Die medienübergreifend zelebrierte Rauminstallation von Clemens Krauss ist die letzte, die noch die ehemalige Kunstraum-Leiterin Karin Pernegger geplant hat. „Vorzimmer/reception“ nennt der 38-jährige Grazer sein von Lena Ganahl perfekt kuratiertes – erstes – Innsbruck-Gastspiel, bei dem er den kunsträumlichen white cube in sechs Zimmer verwandelt, inklusive eines ganz kleinen, in dem der gelernte Maler, der auch Psychoanalytiker ist, für die Ausstellungsbesucher zwischen morgen und 5. Oktober kostenlose Therapiestunden – bis zu fünf Sitzungen sind pro Person buchbar (sitzung@kunstraum-innsbruck.at) – anbietet.

Immer auf der Suche nach sich selbst scheint auch der in Berlin lebende Clemens Krauss zu sein. Wenn er etwa mit einem 25 Meter langen Endoskop sein Elternhaus vom Dach bis zum Keller durchbohrt und dies per Video festhält. Der Eingriff in diese sehr vertrauten Gefilde seines Aufwachsens kokettiert mit dem Gefühl des Verbotenen ebenso wie Intimen, dem durchaus etwas Brutales anmutet. Als „psychische Durchbohrung“ von sich selbst versteht Krauss sein Tun, auch wenn er in einem anderen seiner „Vorzimmer“ die hyperrealistisch in Silikon gegossenen Relikte seiner „Häutung“ als 13-Jähriger auf eine Palette legt. Oder von ihm als Kind gedrehte Videos mit teilweise sehr schrägen Texten kombiniert, die er als Erwachsener dazu erfunden hat. In Dialog mit sich selbst als 13-Jähriger, der seinen Auftritt bei einem Redewettbewerb zum Thema „Neutralität“ probt, tritt er in einer weiteren Videoarbeit.

Die „Vorzimmer“ von Clemens Krauss sind sparsam möbliert und opulent mit Bildern oder Zeichnungen bestückt. Als Maler mag es der Künstler extrem pastos, wenn er mittels Pinseln auf mehr oder weniger große, lasierend monochrom grundierte Leinwände teilweise kiloschwere Farbgebirge türmt. Oft sind Menschen das Thema, einsame, in luftleere Räume stürzende oder als Massen daherkommende. Assoziationen mit aktuellen politischen Ereignissen tun sich da unmittelbar auf, reduziert zu Formkürzeln, die zwischen Realismus und Abstraktion lavieren. Letztlich ist sich Clemens Krauss selbst aber Thema genug. Um sich sich porträtierend immer wieder neu zu erfinden, mit Gesichtern, die mehr Tiefenbohrungen in seelische Gefilde als Abbilder zu sein scheinen.

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