Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 27.09.2019


Innsbruck

Komplexe Strategien, um die Welt zu begreifen

Spannender Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft anlässlich des 350. Geburtstags der Innsbrucker Universität im Ferdinandeum.

Mit Rost und Blut verklebte Rasierklinge: Heidrun Sandbichlers „Der Krieg“ von 2014.

© Claudio abate/SandbichlerMit Rost und Blut verklebte Rasierklinge: Heidrun Sandbichlers „Der Krieg“ von 2014.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Allein schon der Titel der Schau „Schönheit vor Weisheit“ irritiert. Werden hier doch scheinbar Hierarchien suggeriert bzw. das Vorurteil bedient, dass Kunst mit Schönem, letztlich allein Emotionalem zu tun hat, im Gegensatz zur streng rational besetzten Wissenschaft. Dass die Sache von Kunst und Wissenschaft allerdings viel komplexer, verwirrend uneindeutig, bisweilen raffiniert symbiotisch ist, zelebriert die von Christoph Bertsch, Helena Pereña, Rosanna Dematté und Claudia Mark klug kuratierte Ausstellung anhand von 80 Positionen aus Kunst und Wissenschaft.

Angelegt als spannender, durch die zwei oberen musealen Geschoße mäandernder Parcours, der auch Teile der permanenten Schausammlung infiltriert. Um gerade in diesem unmittelbaren Nebeneinander opulenter barocker Gemälde mit der formal so komplett anders daherkommenden Kunst ähnlichen Inhalts von heute mehr Fragen zu stellen als klare Antworten zu servieren. Wenn etwa Heidrun Sandbichler eine mit Rost und Blut verklebte Rasierklinge kommentarlos in eine große Vitrine legt. Um auf diese Weise mehr als die sie umhängenden Schlachtengemälde aus dem 17. Jahrhundert den Wahnsinn von Krieg auf den Punkt zu bringen.

Namengeber der Schau ist das Bild „Schönheit vor Weisheit“ von FLATZ von 1981. Einige der Arbeiten, u. a. Rens Veltmans als interaktives Pendel in den Raum gehängte „Last Words“ oder Rames Najjars konkret auf den musealen Kuppelsaal reagierender „Fragiler Raum“ sind dagegen speziell für die Schau entstanden, ebenso wie die von Architekturstudenten erarbeitete Installation, deren Standort ein Semester lang regelmäßig zum Hörsaal werden soll. Nicht fehlen darf in einer Ausstellung, in der es um die Schnittstellen von Kunst und Wissenschaft geht, Thomas Feuerstein. Sein raumfüllendes (Kunst-)Objekt ist eigentlich ein Bioreaktor, der Grünalgen in Kohle verwandelt, die der Künstler zu Stiften pressen lässt, die er wiederum für das Anfertigen seiner Zeichnungen braucht.

Für die Ausstellung haben zahlreiche universitäre Institute ihre Archive geöffnet, um Sammlungen öffentlich zu machen, die normalerweise streng unter Verschluss sind. Wissenschaft wird auf diese Weise unmittelbar greifbar, um etwa beim Blick durch ein Mikroskop auf kristalline Strukturen zu erkennen, dass sie nichts anderes als von der Natur gemachte Kunstwerke sind.

Fünf kleine Räume sind für Lois Weinbergers archäologisch angelegte Arbeit „Debris Field – Erkundungen im Abgelebten“ reserviert, die erstmals 2017 bei der documenta in Athen und diesen Sommer im Basler Tinguely-Museum zu sehen war. Angelegt als berührend poetische Spurensuche, die ebenso persönlich wie allgemeingültig ist.

Durch die Ausstellung „Schönheit vor Weisheit“ wollen nicht nur die 350 Jahre alte Alma Mater und das rund 150 Jahre jüngere Museum zusammenrücken, sie soll sozusagen ein Projekt in Progress sein. Um durch rund 30 Veranstaltungen in den unterschiedlichsten Formaten einen lebendigen Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft anzuzetteln. Info: tiroler-landesmuseen.at




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