Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 22.10.2019


Kunst

Maria Anwander in der Galerie Goldener Engl: Der Künstler wird gelöscht

Selbstbewusst und ironieverliebt: In der Galerie Goldener Engl zeigt die Klockerstiftung das spannende zeitgenössische Werk ihrer diesjährigen Förderpreisträgerin Maria Anwander.

Breit gefächertes Oeuvre: In Rahmen eines Künstlergesprächs wird Maria Anwander am 8. November ab 14 Uhr mit Jürgen Tabor über ihre Arbeit sprechen.

© West FotostudioBreit gefächertes Oeuvre: In Rahmen eines Künstlergesprächs wird Maria Anwander am 8. November ab 14 Uhr mit Jürgen Tabor über ihre Arbeit sprechen.



Von Barbara Unterthurner

Hall i.T. – Wie kommt es dazu, dass das Werk eines Künstlers im weltberühmten Museum of Modern Art (MOMA) in New York gezeigt wird? Normalerweise durchläuft der Kunstschaffende vorher ein undurchsichtiges System an Galerien, Sammlern, Kuratoren. Eine Ausstellungsbeteiligung oder gar eine Einzelausstellung im MOMA ist der Ritterschlag – und der Ausstellende im innersten Kreis des Kunstbetriebs angekommen.

Oder man macht es so wie Maria Anwander: Die Künstlerin drängelt sich, begleitet von einer versteckten Kamera, mit den Menschenmassen durch die heiligen New Yorker Kunsthallen, peilt eine Wand an, montiert darauf ein Titelschild in MOMA-Art und küsst die Wand. Lang und leidenschaftlich. Um danach zu verschwinden. Zurück bleibt ein Schild, das an die unangekündigte Performance „The Kiss“ erinnert und diese zur Schenkung an das MOMA macht – ob es will oder nicht.

So hat Maria Anwander, die Preisträgerin des diesjährigen Förderpreises der Klockerstiftung, 2010 schon einmal den Kunstbetrieb unterlaufen; 2014 hat sie sich für „The Contribution“ in ähnlicher Weise auch in die Reihe der Sponsoren des renommierten LACMA (Los Angeles County Museum of Art) gemogelt – sich als Sponsorin inszeniert, indem sie ihren Namen auf der offiziellen Sponsorenliste hinzugefügt hat. Interessantes Detail: Während das Titelschild zu „The Kiss“ ein paar Tage unbemerkt im MOMA hängen blieb, wurde „The Contribution“, also die Namenszeile in der Sponsorenliste des LACMA, umgehend entfernt. Wird eine Unterstützerauflistung gar besser bewacht als Ausstellungsräume im Museum?

Diese und weitere Fragen bleiben bei der Durchsicht der ironieverliebten Interventionen von Anwander offen. Zu sehen sind die Werke aktuell in der Ausstellung anlässlich der Vergabe des Klockerpreises in den Räumen der ehemaligen Galerie Goldener Engl in Hall.

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Gezeigt wird dort das spannend zeitgenössische, breit gefächerte Oeuvre der Bregenzer Künstlerin, die derzeit in Berlin lebt. Empfangen wird man von den bereits besprochenen Interventionen. Nicht weniger witzig sind ihre nachfolgenden Appropriationen, in denen sich die Künstlerin Ikonen männlicher Künstler aneignet. Anstatt Yves Klein springt nun Anwander (mit Schwangerschaftsbauch) ihren „Sprung ins Leere“; in Roy Lichtensteins „Masterpiece“ ist bei Anwander die Frau die Schöpferin des Kunstwerks, die vom Mann bewundert wird. Trotz ihrer spielerischen Umsetzung eine absolut ernste Message, die von „An artist is an artist is an artist is a female artist“ (formal angelehnt an Künstler Lawrence Weiner, inhaltlich an Autorin Gertrude Stein) nochmals in klaren Worten formuliert wird. Jetzt sind die Künstlerinnen dran, scheint das Motto bei Anwanders „Fountain“, einem Pissoir wie jenes erste Readymade von Marcel Duchamp, das schon in den Neunzigern von Künstlerin Sherrie Levine sozusagen „gecovert“ wurde. Anwander übergeht mit ihrem Titel „After Sherrie Levine“ Duchamp als Erst-Referenz. Der Künstler wird gelöscht, in „Baldessari without balls“ wird er sogar quasi kastriert: John Baldessaris Fotoserie „Throwing Three Balls“ werden die Bälle genommen, übrig bleiben leere Landschaften.

Anwander ist in jeder Hinsicht rigide. Etwa indem sie Abbildungen der Arbeiten des Konzeptkünstlers Maurizio Cattelan aus dem Magazin Flash Art ausradiert oder indem sie sich in ihrer Diashow „In the studio“ telepathisch ins Gedächtnis berühmter Kuratoren, Museumschefs oder Kritiker ruft. Rigide, weil sie den Druck, der auf jungen Künstlern lastet, kennt. Ihr Druckablassen macht Spaß. Und wirft Fragen auf: Im Zurschaustellen von purem Material (Gips oder Granulat, das für den 3D-Drucker verwendet wird) sinniert Anwander all jene Werke herbei, die noch nicht entstanden sind oder die der Künstler doch nicht realisieren wollte (oder nicht konnte?).

Auch wenn viele ihrer Arbeiten direkt im Kunstbetrieb angesiedelt sind, für ihr Werk wichtig ist, dass Anwander keinesfalls in einer Art „Kunstbubble“ hängen bleibt; ihre Porträts Oppositioneller aus der NS-Zeit, die sie mit Anti-Gesichtserkennungs-Make-up anonymisiert, lassen auch über Überwachungsmechanismen, die etwa in China bereits Alltag sind, nachdenken. Vor Überwachung ist keiner gewappnet: In ihrer eigenen Schau übernimmt ein Staubsaugerroboter die Observation. Und per Kamera und Mikrofon kann die Künstlerin alles live mitverfolgen. Ob der Zuschauer will oder nicht.