Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 25.10.2019


Kunst

Ins Jetzt gerettete Zeitkapsel

Carmen Brucic verwandelt die alten Stuben des Volkskunstmuseums.

Carmen Brucic verwandelt in ihrer Intervention im Volkskunstmuseum Spiegel in Scharniere zwischen gestern und heute.

© Carmen BrucicCarmen Brucic verwandelt in ihrer Intervention im Volkskunstmuseum Spiegel in Scharniere zwischen gestern und heute.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – In der riesigen Wohnung samt Atelier, in der/dem der damals 90-jährige Innsbrucker Maler und Bildhauer Wolfram Köberl bis zu seinem vor zwei Jahren notwendig gewordenen Umzug in ein Altenheim gewohnt und gearbeitet hat, ist er auch aufgewachsen. Kein Wunder, dass der Ort in diesen vielen Jahren regelrecht zugewachsen, zu einer berührend aus dem Jetzt gefallenen „Zeitkapsel“ geworden ist. Als die nach vielen Umwegen vor einigen Jahren wieder in ihre Tiroler Heimat zurückgekehrte Künstlerin Carmen Brucic von diesem sehr speziellen Biotop und dessen in zwei Wochen anstehender Räumung erfahren hat, wusste sie, dass sie dieses in sich abgeschlossene Köberl’sche Universum auf ihre ganz spezielle Weise retten musste.

Das Ergebnis ist eine komplexe Intervention in den historischen Stuben des Volkskunstmuseums, in die Brucic auch 19 ihrer SchülerInnen des Gymnasiums in der Au einbezogen hat. Um auf diese Weise die alten Wohnzimmer mit Fotografien aus Köberls Wohnung und Atelier neu zu überformen bzw. durch Installationen mit Fragen von heute aufzuladen, sozusagen ins Jetzt zu verfrachten. Wenn die Schüler und Schülerinnen etwa eine der Stuben in die chaotisch daherkommende Bleibe eines ob seiner Erfolglosigkeit depressiv gewordenen Künstlers verwandeln. Seine am Boden liegende Matratze ist zerwühlt, ein Stuhl ist umgestoßen, Tisch und Boden sind mit Relikten einer gescheiterten Existenz gefüllt. Kombiniert mit von Carmen Brucic an fünf Nachmittagen entstandenen Fotos der so anderen und doch wieder verwandten Köberl’schen Welt. Zelebriert in Bildern, die in der Sorgsamkeit ihrer Komposition bzw. ihrem Umgang mit dem Licht trotz ihrer inhaltlichen Dichtheit wunderbar still daherkommen. Besonders dann, wenn das Reale zu dessen in Spiegeln reflektiertem Bild wird und man fast einzutauchen glaubt in alte Gemälde.

Wolfram Köberl hat ein Leben lang alte Rahmen gesammelt, die nun als Spiegel von den Decken der Stuben baumeln. Sozusagen als Scharniere zwischen gestern und heute, dem Privaten und Öffentlichen, Kunst und Leben. Wodurch sich komplett neue Perspektiven und Sichtweisen auftun, nicht zuletzt dadurch, dass der museale Besucher zum Teil des Geschehens wird. Wodurch wiederum gewisse Irritationen nicht ausbleiben, Fragen im Raum stehen, die jeder für sich beantworten muss.

Rund zwei Jahre lang hat Carmen Brucic an dem Projekt „In den leeren Spiegeln ...“ gearbeitet. Mit ihren SchülerInnen auch im Rahmen einer Schreibwerkstatt, in deren Rahmen berührende Texte entstanden sind. Die mehr indirekt als unmittelbar mit dem Köberl’schen Universum zu tun haben, kreisend um so existenzielle Themen wie Liebe und Tod, Depression, Unvollkommenheit und Veränderung. Die in Stapeln in den Raum gestellten Texte werden zur skulpturalen Installation, die durch das Entnehmen der Blätter durch die Ausstellungsbesucher aber ganz bewusst ihrer langsamen Dekonstruktion preisgegeben ist.




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