Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 28.10.2019


Vorarlberg

Raphaela Vogel im KUB: Hurra, sie bellt noch!

Mit Vollgas durch die technoide Alptraumwelt: Das Kunsthaus Bregenz widmet guter, junger Kunst mit einer Soloshow zu Raphaela Vogel endlich auch einen prominenten Platz.

Mitten hinein ins Reich der Alpträume: Raphaela Vogel zeigt in „Bellend bin ich aufgewacht“ einen Querschnitt ihres jungen Oeuvres.

© Tretter/Vogel/KUBMitten hinein ins Reich der Alpträume: Raphaela Vogel zeigt in „Bellend bin ich aufgewacht“ einen Querschnitt ihres jungen Oeuvres.



Von Barbara Unterthurner

Bregenz – Raphaela Vogel mag Monumentalität, Größe, Schwere. Die minimale Geste ist für die deutsche Künstlerin uninteressant. Platz für Monumentalität hat Raphaela Vogel im KUB gefunden: Mit „Bellend bin ich aufgewacht“ zeigt das Kunsthaus Bregenz auf fünf Ebenen einen Querschnitt ihrer Arbeiten.

Auch wenn erst im Februar dieses Jahres bekannt wurde, dass Raphaela Vogel statt dem geplanten Projekt von Zoe Leonard ab Oktober im KUB gezeigt wird, wagt Direktor Thomas D. Trummer mit der 31-Jährigen kein unsicheres Experiment, sondern gewährt wichtiger, junger Kunst einen verdienten Platz. Außerhalb von Österreich ist die Nürnbergerin, die bei Peter Fischli an der Städelschule gelernt hat, längst zum Shootingstar avanciert. Das Kunsthaus Basel und die Berlinerische Galerie widmeten ihr bereits Einzelausstellungen. Mit Räumen weiß Raphaela Vogel also umzugehen. Selbstbewusst unverschämt fängt sie bei ihrem Selbst an. Natürlich darf auch Hund Rollo da nicht fehlen. Im Zentrum steht jedoch Vogel als Darstellerin, Regisseurin, Sängerin.

So hallt dem Besucher bereits im Erdgeschoß ihre Stimme entgegen: Ein zartes „Hurra, wir leben noch!“ (ein Siebzigersong von Milva) nimmt es mit zwei monumentalen Löwenskulpturen auf. Die Bronzegüsse hängen leicht schwebend von der Decke, im Maul baumeln kugelförmige Lautsprecher. Der tonnenschwere Druck ist deutlich spürbar.

Die Milva-Interpretation wird im nächsten Raum von Milva selbst abgelöst. „Ich hab’ keine Angst“, tönt es wie aus der Geisterbahn: Gigantische Spinnen, die sich aus Polyurethanhäuten schälen, kalte Stahlrohrkonstruktionen, die sich zu technoiden Wesen formen, eine Schar von Spielpuppen schaukelt von deren Mitte. Ist Milva fertig, hört man Babygeschrei, verzerrt wie Sirenen. In diesem Fiebertraum zentral steht wieder die Künstlerin selbst: In einem epischen Setting, wie eine mythische Figur dem Meer entstiegen, zieht ein Strudel die Zuseher entgegen Liedtext mitten hinein in die Welt der Ängste.

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Zentral steht Vogel auch im Video im zweiten Obergeschoß, eingebettet in ein riesiges Lagerzelt hallen kultische Gesänge, am Ende des Tempels liegt Vogel im Bett, überwacht von einer Drohne, die sie bis unter die Erde verfolgt. Nicht weniger düster gestaltet sich auch das oberste Stockwerk, in dem die leidenschaftliche Sammlerin Teile eines ausrangierten Miniaturparks installierte. Die großen Architekturikonen verfallen dort, alles unter dem wachsamen, getriebenen Geist der Künstlerin, die in einem schwindelerregenden Video einen Baukran erklettert.

Ihr vorgemacht hat es eine junge Frau im Film von Helke Sander (1984), der im Untergeschoß gezeigt wird. Darin wirft die Frau Flugblätter vom Kran und fordert für sich und ihre zwei mitkraxelnden Kinder eine leistbare Wohnung.

Doch was fordert Raphaela Vogel mit ihrer Kunst? Alles und nichts. Definitiv eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Zuständen: Die großen Fragen nach Selbstdarstellung, Überwachung, und technoider Kälte werden da gestellt, ebenso wie Institutionskritik und der enorme Druck verhandelt, der auf der Gesellschaft lastet. Vogel bellt mit einer Überdosis an Eindrücken taumelnd dagegen an. Es ist wie bei den hängenden Löwen: Was leichtfüßig schwebt, wiegt doch schwer.