Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 30.10.2019


Kunst

Barocke Überblendungen

In Julian Göthes Schwazer Ausstellung „Lonesome Echo“ hallen dem Besucher barocke Versatzstücke entgegen, in die der Künstler die Gegenwart einwebt.

Seilzeichnungen im Raum: Julian Göthes beliebte Technik ist auch in Schwaz zu sehen. Gelungen ist die Gesamtinstallation auch über die Erweiterung durch den Film "Walls Talk".

© Verena NaglSeilzeichnungen im Raum: Julian Göthes beliebte Technik ist auch in Schwaz zu sehen. Gelungen ist die Gesamtinstallation auch über die Erweiterung durch den Film "Walls Talk".



Von Barbara Unterthurner

Schwaz – Dort, wo sich die Kunst dem Design öffnet, sich viele Künstler abwenden, weil das Objekt funktionalisiert wird, wird es für Julian Göthe erst interessant. Der deutsche Künstler, der aktuell an der Akademie der bildenden Künste in Wien unterrichtet und eigentlich aus der Trickfilm-Sparte kommt, ist bereits zum zweiten Mal in Schwaz. Dieses Mal holt ihn Stadtgalerie-Leiterin Anette Freudenberger für eine Einzelausstellung.

In „Lonesome Echo“ mutieren die Räume des Palais Enzenberg zur vereinnahmenden Rauminstallation – auf zweidimensionalem Wege. Göthe lässt in Schwaz dafür seine Seilzeichnungen an der Wand entlangwachsen; wie schon in der Gruppenausstellung „Kalte Gesellschaft“ (2016) webt der Künstler auch in seiner Soloshow dem Raum damit eine weitere, zeichnerische Ebene mit ein. Die Fläche wird strukturiert, aber anders als beim kalten, modernistischen Raster eines Piet Mondrian setzen Göthes Wandzeichnungen auch Akzente, formen Ornamente, rahmen Auslassungen, lenken den Blick des Betrachters.

Wie in kaum einer anderen Ausstellung gelingt dadurch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Schwazer Palais, das mit seiner barocken Ausstattung (im Aufgang gut erkennbar) in absolutem Gegensatz zum klassischen White Cube steht.

Eingeschrieben sind den Seilzeichnungen außerdem zentral gesetzte, violette Raumsujets – keine Blicke in private Gemächer, sondern Innenausstattungen unterschiedlicher Designer, zumeist Motive aus Designzeitschriften. Unter ihnen etwa ein Raum des französischen Möbeldesigners Jean-Michel Frank, der mit seinen Art-Déco-Stücken Studios von Modegrößen wie Elsa Schiaparelli ausstattete und bei Alberto und Diego Giacometti Objekte in Auftrag gab. Diese Sujets erweitern Göthes „Zeichnungen“ in die Tiefe. Erst die am Computer entworfenen Kleckse, die Göthe darüberlegt, lassen die imaginierten Räume wieder zur Fläche werden.

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Ein ähnliches Spiel treibt Göthe auch im Bewegtbild, das in Schwaz in Form des Videos „Walls Talk“ vorkommt. Auch hier wird Dreidimensionales mit Fläche überblendet. Im Kabinett – gut sichtbar vom Hauptraum aus – läuft der Film über die Fensterfront entlang. Freudenberger hat sich hier bewusst für eine Installation in der Raumflucht zum Hauptsaal entschieden, um die Installation visuell nicht auseinanderzureißen: So gelingt ein harmonisches Zusammenspiel zwischen den Elementen.

„Walls Talk“ reiht ein Bildsammelsurium aus Göthes Universum aneinander: moderne Bühnen, ephemere barocke Festarchitekturen ebenso wie Filmszenen. Per Kamerafahrt geht es über Architekturillustrationen von New Yorker Hochäusern hinaus mitten hinein in exaltierte Theaterszenen, vorbei an Ikonen der Kunstgeschichte, etwa den manieristischen Fieberträumen der Via Appia Antica von Giovanni Battista Piranesi. Begleitet wird die Reise von lounge-igem Piano House – Göthe selbst ist leidenschaftlicher DJ. Distanz, aber zugleich auch Akzentuierung, entsteht, wie schon bei den Wandzeichnungen, über die Muster, mit denen Göthe den Film überblendet.

In dieser zurückhaltenden Formsprache nähert sich Göthe der barocken Übertreibung an, übersetzt sie in die Gegenwart. Wo die Grenze zum Kitsch verläuft, ist nur eine Frage, die sich in seiner Kunst unweigerlich aufdrängt. Schließlich hallen einem die typischen barocken Motive überall entgegen: Rocaillen, Vorhänge, Faltenwürfe, Treppengänge. Dabei interessiert Göthe natürlich auch das Zeitgemäße, ins Extrem Verzerrte: In seinem Oeuvre kommt die Gegenwart in Form von Bodybuildern oder extravaganten Hochglanzformen vor.