Letztes Update am Sa, 01.12.2012 20:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kunst

Viel zu schön für diese Welt

Vorsicht, Narzissmus-Falle: Die Taxisgalerie versucht dem Phänomen der übersteigerten Selbstliebe und seinem Niederschlag in der Kunst nachzugehen.



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Spiegelbilder überall, auch solche, die per Bewegungsmelder ins Vibrieren geraten, auf dass der Blick auf sich selbst wie in einer aufgewühlten Wasseroberfläche zerfällt, bevor man prüfen konnte, ob die Frisur sitzt oder die Bluse gut gebügelt ist. Johanna Smiatek lädt außerdem mit einem aufklappbaren Spiegel mit eingebautem Stimmrekorder zum Selbstversuch: Man könnte ihm z. B. diktieren, wer die Schönste im ganzen Land ist. Aber es ist nicht das Märchen mit der bösen Stiefmutter, sondern die Mythologie, die hier das Thema vorgibt, nämlich in Gestalt des schönen Jünglings aus Ovids Metamorphosen, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt und an der Unerfüllbarkeit dieser Liebe zerbricht.

Ausgangspunkt der Gruppenschau „Der Spiegel des Narziss“ war die Dissertation der Kieler Kunsthistorikerin Maren Welsch, die zusammen mit Taxisgalerie-Chefin Beate Ermacora kuratiert hat. Und man liege damit voll im Trend, wie Ermacora betont: „Ich, Ich, Ich – Werden wir eine Gesellschaft der Selbstverliebten?“, titelte vor wenigen Monaten das Magazin Geo. „Er liebt mich – aber sich noch mehr“, stand in der Frauenzeitschrift Brigitte über den neuen Narzissmus der Männer zu lesen; der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz bezeichnet in seinem Buch „Die narzisstische Gesellschaft“ (2012) den krankhaften Narzissmus gar als so ansteckend wie die Pest im Mittelalter.

Überraschend ist das alles in Zeiten von Castingshows, YouTube-Stars und sorgfältig inszenierten Facebook-Profilen ja nicht. Und natürlich findet vieles davon auch in der Kunst seinen Niederschlag: Ely Kim hat für das Video „Boombox“ an 100 verschiedenen Orten zu 100 Popsongs getanzt, veröffentlichte es u. a. auf YouTube und sieht darin aus wie ein Vorläufer des Gangnam-Style-Erfinders Psy. Mit diesem als ironischer Kommentar zur Selbstinszenierung von Popstars gedachten Beitrag ist der Narzissmus als gesellschaftliches Phänomen leider auch fast schon auserzählt. Würde da nicht Niklas Goldbach im vielschichtigen Video „Ten“ sich selbst zur einer zehnköpfigen, nicht näher definierten Wirtschafts- oder Macht-Elite klonen, die im schicken Großstadt-Penthouse gespenstisch aneinander vorbeilebt.

Nach einem historischen Teil, der frühe Illustrationen zu Ovids Metamorphosen sowie Narziss-Darstellungen hauptsächlich des 19. Jahrhunderts zeigt, geht es mit 17 Positionen in die Vollen der zeitgenössischen Auseinandersetzung. Dabei war man von der Vielschichtigkeit und Aussagekraft des Themas selbst offenbar so überzeugt, dass man sich nicht die Mühe gemacht hat, es klarer zu strukturieren. Schade, denn so bleibt der dichte Wald aus Selbst- und Fremdbespiegelung etwas undurchsichtig, dominierend sind jedenfalls allerlei Narziss-Darstellungen, in denen etwa Geschlechterkämpfe ausgetragen oder Spiegelbilder in schlammigen Tümpeln gesucht werden.

Mit Helmut Schober gibt es auch Rückblicke in Performatives aus den 1970er Jahren, Jürgen Klaukes 27-teilige Fotoarbeit ist eine Begegnung mit dem Selbst aus derselben Zeit. Olaf Nicolai lässt seine Narziss-Skulptur ins eigene Spiegelbild weinen und löscht damit laut eigener Aussage den narzisstischen Moment: Weil man mit Tränen in den Augen ja nichts sieht.

Dass das Ringen um Anerkennung, Selbstvermarktung und Selbstdarstellung häufige Symptome gerade des Kunstbetriebs sind, ist einer der spannendsten Aspekte der Schau: Der Schweizer Urs Lüthi zeigt sich selbst als lebensgroße Skulptur, die vor dem Schriftzug „Art for a better life“ mit einem rosa Gummiball spielend auf einem Podest fläzt. Und der junge Münchner Felix Burger spielt in „Die Verfilmung meines Lebens“ wunderbar altmodisch mit der eigenen Bedeutsamkeit.




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