Letztes Update am Di, 05.03.2013 11:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kunst

Mit Humpty Dumpty auf der Jagd nach dem Phantom

Der Kunstpavillon geht der spannenden Frage nach, was Künstler zum Spiel mit Pseudonymen, Alter Egos und kollektiven Identitäten bewegt.



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Treffen sich zwei Pseudonyme und stellen fest: „Wir sind die Namen, sie haben die Realität“. Oder: „Ihre Wünsche und unser Wollen sind nicht gleich.“ Die von Matthias Klos erdachte, als Diaprojektion auf die Wand des Kunstpavillons geworfene Konversation, sagt schon einiges aus über das ambivalente Verhältnis zwischen KünstlerInnen und ihren „Wiedergängern“, zwischen Identität und Identifikation, zwischen künstlerischem Subjekt und Kunst-Objekt, nicht zuletzt zwischen Name und Person.

„George Eliott & Rrose Sélavy – nur Wiedergänger tragen keine Namen“, nennt sich Klos‘ Arbeit, die eifrig an der Konfusion von Realität und Fiktion mitwirkt: Niemand Geringerer als Marcel Duchamp hinterfragte als Rrose Sélavy Geschlechterrollen und Genie-Kult, das Pseudonym George Eliott erleichterte Mary Ann Evans die Veröffentlichung ihrer Romane in der männerdominierten viktorianischen Gesellschaft.

Die Kuratorinnen Georgia Holz und Claudia Slanar legen aber auch ganz andere Strategien frei, die mit Alter Egos, Pseudonymen und fiktiven Personen in der Kunstwelt verfolgt werden. Marshall Gordon etwa will in ein artist-in-residence-Programm aufgenommen werden, man kann ihm dabei behilflich sein und die mit 1A-Lebenslauf und Bewerbungsunterlagen bestückten Kuverts abschicken. Die Institutionskritik erschließt sich, wenn man erfährt, dass sich hinter Gordon das „Untitled Collective“ verbirgt, das diese Kunstfigur nach einer gescheiterten Gruppenbewerbung erfunden hat und mit ihr auch in anderen, gewitzten Manövern den Identitätsbegriff durchleuchtet.

Das anonyme Kollektiv ist – siehe Anonymous – auch abseits künstlerischer Tätigkeitsfelder ein hochaktuelles Thema. Und erneuert Fragen zur Autorenschaft, wie sie Michel Foucault und Roland Barthes („Der Tod des Autors“) bereits in den 1960er und 70er Jahren aufwarfen.

Der Ausstellungstitel „With a Name Like Yours, You Might Be Any Shape“ ist einer Aussage Humpty Dumptys in Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ entliehen, der jedenfalls in seinem Namen die perfekte Entsprechung seiner Form erkennt. Ob das auch für „Lora Sana“ gilt, die Carola Dertnig als Role Model eingeführt und damit der Anonymität der weiblichen Modelle im Wiener Aktionismus entrissen hat, ist Ansichtssache. Evident aber ist die kritische Hinterfragung des Frauenbilds im und des kunsthistorischen Diskurses über den Wiener Aktionismus.

Es geistern ganz unterschiedliche Phantome durch die Schau, darunter Mario Garcia-Torres‘ Oscar Neuestern oder die in den 90er Jahren in der Wiener Szene umtriebige Ronda Zheng. Manche verlocken sogar dazu, Jagd auf sie zu machen, wie „The Unknown Artist“, den Warren Neidich sich auf historischen Fotografien in die Kreise berühmter Kollegen vom Surrealismus bis zur Pop Art hineinschwindeln lässt.




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