Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 27.02.2014


Kunst

„Bilder sind ja so doof“

Als David Bowie über den Berliner Bahnhof latschte und Nina Hagen zur Ikone der deutschen Punkbewegung aufstieg, war Jim Rakete mit seiner Kamera nicht weit. Im Fo.ku.s zeigt er jetzt sein Projekt „Stand der Dinge“.

© Andreas Rottensteiner / TT



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Franka Potente posiert mit jenem Messer, mit dem ihr in Tom Tykwers „Krieger und Kaiserin“ ein Luftröhrenschnitt verpasst wird. Maximilian Schell vor jener Almhütte im Lavanttal, auf der er seine Schwester Maria in einem Dokumentarfilm porträtierte. Eva Mattes zeigt sich mit der Milchkanne aus „o. k.“, Michael Verhoevens Anti-Vietnamkriegsfilm, der 1970 für einen Skandal auf der Berlinale gesorgt hat. Katharina Thalbach schrubbt wie in der „Blechtrommel“ die Treppe. Und Klaus Lemka pflegt sein Image als Regie-Anarchist mit chauvinistischem Anstrich: Er hat als Requisit eine sexy Blondine mitgebracht.

101 Vertreter der deutschen Filmszene hat Jim Rakete für die Porträtreihe „Stand der Dinge“ mit einem für sie bzw. ihre Laufbahn bedeutenden Gegenstand vor die Kamera gebeten. Rund neunzig davon sind jetzt im Fo.ku.s im BTV Stadtforum zu sehen. Sie erzählen Geschichten von einzelnen Karrieren, aber auch vom Werden und Wachsen der deutschen Filmszene, zu deren heutigem Reichtum der Autorenfilm der 1970er Jahre „die Tür geöffnet“ habe, sagt Rakete, 1951 in Berlin geborener Fotograf und Fotojournalist mit bürgerlichem Vornamen Günther. Er hat viele Größen der Musik- und Filmbranche über Jahre hinweg begleitet, Politiker porträtiert, Bands gemanagt, einst in Berlin eine Art Antwort auf Warhols „Factory“ gegründet. Die TT fragte nach.

Ihr Projekt „1/8 sec.“ ist eine Hommage an die Fotografie der alten Schule: Sie haben Prominente mit einer alten Plattenkamera fotografiert, was bis zu acht Sekunden Stillhalten verlangte. Wem ist das am schwersten gefallen? Rakete: Den ganz Jungen. Die Alten haben damit am wenigsten Probleme. Mario Adorf: Wenn der guckt, guckt er. Und das kann der minutenlang halten. Aber das Extremste, diese acht Sekunden, das war Jürgen Vogel, und dem fiel das nicht schwer. Ist überhaupt ein fabelhafter Schauspieler, finde ich. Ist es wahr, dass eines Ihrer ersten „Promi-Bilder“ eines von Willy Brandt war, das Sie geschossen haben, als Sie 14 waren? Rakete: Zwölf. Was hat Sie damals an der Fotografie so interessiert? Rakete: Am allermeisten hat mich fasziniert, dass man damit die Zeit anhalten kann. Einen Moment einfrieren, der frei ist von allem anderen. Bilder sind ja so doof, die wissen nicht, was vorher war, was daneben war, was dahinter war, die kennen ja nur diesen einen Moment. Aber das ist natürlich eine starke Erkenntnis: weil man sich total konzentriert auf das, was man sieht. Die heutige Musiker-, aber auch Politikergeneration ist durch die digitale Bilderflut ganz anders sozialisiert. Hat das Einfluss darauf, wie Sie sich verhalten, wenn Sie fotografiert werden? Rakete: Ja. Heute ist alles sehr organisiert. In den Siebzigern konnte ein Helmut Schmidt noch aus einer Kabinettssitzung kommen und auf die Frage, was ist jetzt beschlossen worden, sagen: Ich kann es Ihnen noch nicht sagen, wir beraten noch. Das ist undenkbar heute. Heute muss jeder ein Zwischenergebnis oder eine Forderung oder irgendwas vor sich hertragen und zwar in einem Ausschnitt von 15 Sekunden, weil wir nur noch Häppchen akzeptieren. Ab den 1970er Jahren hatten Sie die Größen der Musikszene vor der Linse: Jimi Hendrix, David Bowie, Mick Jagger, viele deutsche Künstler. War das das Milieu, in dem Sie sich zuhause fühlten? Rakete: Ich hatte auch selber ein bisschen Musik gemacht, also bin ich mit denen gut klargekommen. Erst kürzlich ist mir Bild in die Hände gefallen: Anfang der Siebziger ist David Bowie in Berlin aufgetaucht und steigt am Bahnhof Zoo aus. Und ich fotografiere den, wie er da mit seinem Koffer und einem Gitarrencase über den Berliner Bahnhof latscht. Da hatte er noch gar nicht so eine Bedeutung in Deutschland. Das sind keine großartigen Dokumente. Aber ich war in dieser Szene zuhause, das war ein Teil meines Lebens, den ich berichtenswert fand. Das Berliner Kreativlabor „Fabrik“ haben Sie 1977 aber eigentlich nicht gegründet, um Musikmanager zu werden? Rakete: Nein, gar nicht. Wir wollten ganz andere Sachen machen. Dann lernte ich die Nina Hagen Band kennen. Und fand die so bedeutend, dass das mein ganzes Leben verändert hat. Die haben mich überredet, deren Management zu übernehmen. Dann kamen immer mehr dazu: Zanki , Interzone usw. Aber es gab auch andere Prinzipien in der „Fabrik“. Wir haben, wie bei Andy Warhol in der „Factory“, jeden, der da reinkam, fotografiert. Nur weniger eitel vielleicht. Wir haben eigentlich ein Sittengemälde dieser Zeit in Berlin gemacht. Wo verläuft die Grenze zwischen journalistischer und künstlerischer Fotografie? Rakete: Ach, künstlerisch. Das ist mir ein zu großes Wort. Ich mache Bilder und versuche das zu erzählen, was ich erzählen kann. Fotografen sind Geschichtenerzähler. Die einen erzählen über Landschaften, die anderen über Gesichter und die dritten über Vorgänge. Nur dass sie diesen einen großen Nachteil haben: Zum Erzählen der Tiefe steht ihnen immer nur die Oberfläche zur Verfügung. Darunter leiden alle.




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