Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 20.04.2015


Kunst

Wo Engel Lotosblüten tragen

Eine Ausstellung im Museum der Völker macht große Lust auf eine Burmareise.

© chesiIm Zentrum der Schau im Schwazer Museum der Völker stehen diese vier rund 150 Jahre alten „Engel“ aus einem burmesischen Kloster.Foto: Chesi



Von Edith Schlocker

Schwaz – Eigentlich wollte Gert Chesi „nur“ einen Film über die unterschiedlichen Kulturen Burmas machen. Als sich ihm allerdings in einem abgelegenen Kloster sechs große Engelsfiguren „in den Weg gestellt“ haben, hat Chesi den Entschluss gefasst, sie zum Zentrum einer Ausstellung zu machen. Gemeinsam mit teilweise noch nie gezeigten, teilweise aus dem Depot geholten Objekten.

Die sechs fast lebensgroßen, aus Holz geschnitzten und teilweise farbig gefassten „Engel“ haben bis vor Kurzem ein Kloster bei Mandalay vor Unheil beschützt. Sie sind rund 150 Jahre alt und vom Zahn der Zeit angenagt. Die androgynen, von durchbrochenen Schleiern umhüllten Figuren tragen in den Händen große Lotosblüten als Symbol der Reinheit und auf ihren Köpfen züngeln stilisierte Flammen.

In einer Vitrine nebenan liegt ein rund 1000 Jahre alter großer Gong aus Bronze. Neben einem aus unzähligen Tierzähnen gemachten Kopfschmuck und Gürtel, die man auf einen ersten Blick in ihrer archaischen Wildheit eher in einer animistischen afrikanischen Kultur verorten würde. In Wirklichkeit handelt es sich dabei aber um den Schmuck eines Naga-Kriegers, eines im Norden Burmas abgeschieden lebenden Bergvolks, dessen ganz spezieller Kultur Gert Chesi eine seiner nächsten Ausstellungen bzw. Filme im Schwazer Museum der Völker widmen möchte.

Einer Kultur, die so komplett anders ist als die vom Buddhismus geprägte der burmesischen Mehrheitsbevölkerung. Und so verwundert es nicht, dass eine ganze Reihe unterschiedlichster Buddhas in der Schau herumsitzen. In klassischer Erdberührungspose, vergoldet oder mit einer roten Lackschicht überzogen. Figuren, die mit ihrem entrückt magischen Lächeln so komplett anders daherkommen als der hinduistische Affengott Hanuman, dem die unterschiedlichsten Kräfte zugesprochen werden. In Schwaz präsent durch ein im 19. Jahrhundert entstandenes Exemplar aus bemaltem Marmor.

Marionettentheater spielten im Gemeinwesen des alten Burma eine wichtige Rolle. Ihr Thema waren Mysterien meist kriegerischen Inhalts. Die zwei Puppen, die Chesi in Schwaz zeigt, sind riesig, müssen je von vier Männern geführt werden. Ihre Hände, Füße und Köpfe sind aus Holz geschnitzt und bemalt, die Körper kostbar gewandet.

Vier große rote Lackgefäße in der Form kleiner Stupas umstehen die vier „Engel“, umhängt sind sie von klösterlichen Schrifttafeln und zwei Zyklen wunderbar schräger Reliefs. Während erstere für das gemeine Volk unlesbar sind, verbildlichen die Reliefs in ihrer drastischen Bildsprache die Albträume eines Königs. Wobei das Warten auf den Einzug ins erlösende Nirwana zum Balanceakt zwischen Moral und Versuchung wird.

Endgültig Lust auf eine Burmareise macht ein im Museum laufender Film Chesis, der nicht nur in die von Gold glänzenden alten und neuen Tempel entführt, sondern auch zu den Menschen, die die alte Kultur auf ihre Art am Leben zu erhalten versuchen.