Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.07.2015


Literatur

Kleine Feuerwerke im Kopf

Michael Frayn beweist erneut, dass er ein Meister des Skurrilen ist.

Michael Frayn lebt in London und ist erfolgreicher Dramatiker, Romancier, Drehbuchautor und Übersetzer.

© Marc WetliMichael Frayn lebt in London und ist erfolgreicher Dramatiker, Romancier, Drehbuchautor und Übersetzer.



Von Brigitte Warenski

Innsbruck – Nicht nur dem Theater, sondern auch der Bühne des Lebens kann Michael Frayn viel Humoriges abgewinnen. Der britische Prosa- und Theaterautor zeigt diesmal in 30 zündenden Unterhaltungen, dass er der Meister des Skurrilen ist. Nach seinem Roman „Willkommen auf Skios“, mit dem er die Herzen der deutschen Leser gewonnen hat, verlegt er sich im neuen Werk „Streichholzschachteltheater“ auf die literarisch kleine Form, die nicht minder großartig ist. Die Monologe und Schein-Dialoge, die laut Frayn nicht dafür geschrieben wurden, um aufgeführt zu werden, entzünden dafür zahlreiche kleine Feuerwerke im Kopf.

Frayn lässt seine Figuren in immer absurdere Situation geraten, führt allergemeinst vor, wohin Dummheit, Ignoranz, Selbstüberschätzung und Egoismus und manchmal einfach ein bisschen Pech führen. Solch Pech ereilt jenen, der den Gewinnern der Nobelpreise die freudige Nachricht per Telefon überbringen soll. Kaum hat der Anrufer die Worte „Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des ...“ ausgesprochen, legt das Gegenüber auf. Wie sich jemand mit so einer großer Aufgabe plötzlich derart klein fühlt, erzählt Frayn mit komödiantischer Brillanz. Gestochen scharf zeichnet er auch jenen Manager, der vor Publikum predigt, dem Gott des Handys abzuschwören. Blöd nur, dass just in diesem Moment das Handy bimmelt und der Vortragende sich um seine hysterische Frau und einen rufmordenden Journalisten kümmern muss.

Wenn nicht einer, sondern zwei die Bühne der Phantasie in Frayns Episodensammlung bevölkern, kommt dabei für die Figuren auch nicht mehr raus. Einer hat das Sagen, plappert und schwätzt vor sich hin, der andere kommt nicht zu Wort oder versteht sein Gegenüber eigentlich gar nicht. So wie das tote Ehepaar, das mit seinem Hündchen die Gruft teilt. Man nervt und beschimpft sich an diesem Ort, dessen Stille jäh von Rockmusik unterbrochen wird, wie schon zu Lebzeiten. Einer ist überzeugt, es ist Sommer, der andere pocht auf den Winter. Der eine mäkelt an der Schlafhaltung und über das Zähneknirschen, der andere reitet penetrant und permanent auf einer Jahreszahl herum. Weil nebeneinander reden nichts mit Kommunikation zu tun hat, wühlt Frayn weiter genüsslich ganz unten in der Horrorkiste der Beziehunge­n: Sie beginnt einen Satz, er spricht ihn ausnahmslos für sie zu Ende. Eigentlich doch schade, dass wir uns darüber nicht auch im Theater amüsiere­n können.

Erzählungen. Michael Frayn. Streichholzschachteltheater. 30 zündende Unterhaltungen. Aus dem Englischen von Michael Raab. Dörlemann, 240 Seiten, 18,50 Euro.

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