Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.12.2015


Literatur

Der Übertreibungskünstler auf beglaubigtem Boden

Kenntnisreich und wohltuend unaufgeregt: Manfred Mittermayer hat eine umfassende Biografie von Thomas Bernhard vorgelegt.

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© Barbara Pflaum



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Im Februar dieses Jahres verbot der Suhrkamp-Verlag eine kommentierte Lesung aus Thomas Bernhards 1984 erschienenem Stück „Theatermacher“ im Literaturhaus Salzburg. Oder war es Peter Fabjan, Halbbruder und Nachlassverwalter des 1989 verstorbenen Autors, der sein „Veto“ einlegte? In veröffentlichten Stellungnahmen jedenfalls schoben sich Suhrkamp-Vorstand Raimund Fellinger und Fabjan die Verantwortung gegenseitig zu. Diese Episode – in den vergangenen Jahren gab es mehrere durchaus vergleichbare – ist beispielhaft für das Theater, das sich mit und um Bernhard noch immer machen lässt. Der Grund dafür liegt einerseits in Bernhards testamentarisch gewünschtem Aufführungsverbot für Österreich und der dazugehörigen Verfügung, dass alles Unveröffentlichte unter Verschluss bleiben müsse. Andererseits im alles in allem etwas willkürlichen Umgang mit diesem Letzten Willen. Vieles wurde inzwischen veröffentlicht – die zu Bernhards Lebzeiten in der Schreibtischschublade gebliebene Textsammlung „Meine Preise“ zum Beispiel oder der fraglos aufschlussreiche Briefwechsel zwischen dem Autor und seinem langjährigen Verleger Siegfried Unseld. Auch die Stücke werden inzwischen wieder gespielt – zumeist ohn­e begleitendes Bohei. Anderes allerdings bleibt geheim. Und der Nachlass selbst – er wird von der auf Initiative Fab­jans gegründeten Thomas-Bernhard-Stiftung verwaltet – wird inzwischen an einem unbekannten Ort verwahrt. Schließlich habe die Sicherheit dieser, in den Worten der Stiftungsvorständin Evelyn Breiteneder, „Mona Lisa Österreichs“ oberste Priorität.

Nun, das geheimnisvolle Lächeln der „Mona Lisa“ wird täglich von Hunderten Interessierten bestaunt. Und Museumsshops in aller Welt bieten Reproduktionen in den eigenwilligsten Formaten an. Bernhard-Biograf Manfred Mittermayer indessen könnt­e – darauf weist er explizit hin – aus der unveröffentlichten Korrespondenz des Autors nicht zitieren, obwohl er sie, was anzunehmen ist, aus dem Effeff kennt. Ein Umstand, der seiner dieser Tage erschienenen ebenso umfang- wie kenntnisreichen biografischen Annäherung an den unerreichten „Übertreibungskünstler“ zum Vorteil gereicht.

Denn das Buch ist eine aus zum größtem Teil bereits bekanntem Material erarbeitete und in ihrer Narration betont nüchterne Auseinandersetzung mit dem Leben und – vor allem – Werk Bernhards. Es gibt also wenig wirklich Neues, marktschreierisch Spektakuläres zu erfahren, aber alles Bedeutsame liegt akribisch aufbereitet und nachvollziehbar belegt vor. Mit anderen Worten: keine wohlwollende Hagiografie, sondern eine für die Bernhard-Leser der Zukunft unverzichtbare Handreichung, die mit ihrem Gegenstand durchaus hart, aber wohl­tuend unaufgeregt ins Gericht geht. Und an keiner Stelle vergisst, dass Thomas Bernhard nicht nur ein Autor von fraglos weltliterarischem Format war, sondern eben auch ein mindestens genauso begnadeter Schriftsteller-Darsteller, der es – gerade wenn es um sein eigenes Leben ging – mit der Wahrheit nicht so genau nahm. So gesehen holt Manfred Mittermayer, Leiter der Salzburger Literaturarchivs und der Rauriser Literaturtage, Thomas Bernhard, den aufregendsten Aufreger der österreichischen Literatur, mit seiner zu Recht als Standardwerk gefeierten Biografie auf den Boden des Beglaubigten zurück. Bernhard selbst dürfte sich darüber maßlos geärgert haben. Was man – auch das kann in Mittermayers Studie nachgelesen werden – durchaus als öffentlichkeitswirksamen Akt der Anerkennung verstehen kann.

Biografie Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Residenz, 453 Seiten, 28 Euro.