Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 26.08.2016


Literatur

Wortlose Fluchten vor dem Unentrinnbaren

Reinhard Kaiser-Mühlecker steht mit seinem neuen Roman „Fremde Seele, dunkler Wald“ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

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© Jürgen Bauer/Fischer Verlag



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Der jüngere der beiden Brüder, Jakob, ist zu Beginn des 300-Seiten-Plots gerade 15, Alexander etwa doppelt so alt. Als Berufssoldat im Auslandseinsatz ist er wegen eines Reitunfalls auf Heimaturlaub im Oberösterreichischen, den er meist schweigend trinkend im Dorfgasthaus verbringt.

Denn er ist generell kein großer Redner, was ihn mit seinem „kleinen“ Bruder verbindet. Der nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Soll er sich nach einer Lehrstelle umschauen oder doch am elterlichen bzw. großelterlichen Hof bleiben, den er ohnehin fast allein führt. Ist der Vater doch meist in dubiosen Geschäften unterwegs, immer glaubend an den ganz großen Coup. Mit der Konsequenz, das Acker für Acker, Kuh um Kuh verkauft werden müssen, bis nichts mehr übrig bleibt.

Und aus welchen Quellen das dubiose Vermögen des Großvaters herstammt, bleibt bis zuletzt ein Geheimnis, genauso wer es einmal erben wird, was eine ungesunde Dynamik entwickeln sollte. Es gibt aber auch noch eine Schwester, die in ganz jungen Jahren einen Amerikaner geheiratet hat, mit dem sie in Schweden lebt, bevor sie samt Kind scheinbar vor dem gewalttätigen Mann in die alte Heimat flüchtet. Als gebrochene, vom Leben schwer enttäuschte Frau.

Freunde haben sowohl Alexander als auch Jakob nur wenige. Der Ältere, der eigentlich Priester werden wollte, um dann einige Semester Medizin zu studieren, bevor er vor dem wirklichen Leben in die Armee geflüchtet ist, ist zutiefst einsam. Was sich auch nicht nach seiner Versetzung in das Ministerium in Wien ändern sollte. Bis er sich in die Frau des Vorgesetzten verliebt und mit ihr ein leidenschaftliches Verhältnis beginnt, das diese aus ihm nicht nachvollziehbaren Gründen beendet.

In der Liebe hat auch Jakob kein Glück. Schwer belastet vom Selbstmord des einzigen Freundes, fühlt er sich auch der jungen Frau fremd, die dem 18-Jährigen ein Kind unterschiebt, weshalb er sie heiratet, um sich bald wieder von ihr zu trennen.

Die Jahre vergehen bleiern, bis Jakob in einer sonderbaren Sekte so etwas wie Heimat findet. Mit deren ehemals alles andere als heiligen „Hohepriesterin“ auch den Bruder so manches verbindet. Aber auch um einen in der Gegend passierten unaufgeklärten Mord geht es immer wieder. Was das Personal des Buches damit zu tun hat oder auch nicht, bleibt allerdings bis zum Schluss rätselhaft.

Wie vieles in dieser von Reinhard Kaiser-Mühlecker mit viel Gespür für subtile Stimmungen erzählten Geschichte einer scheinbar ganz normalen Familie. In der jeder allein ist und trotzdem ständig unter Beobachtung der anderen steht, was Vorverurteilungen schürt, Gerüchte blühen lässt.

Wie der oberösterreichische Autor das schildert, hat viel mit Atmosphärischem zu tun, der Schilderung von Träumen und Albträumen, von Hoffnungen und Obsessionen, Farben und Düften. Und dies ohne jeden Pathos, ohne jede große Geste. Was Peter Handke veranlasst, den 34-Jährigen „zwischen Stifter und Hamsun“ zu verorten.

Letztlich geht es in „Fremde Seele, dunkler Wald“ um die Unentrinnbarkeit vor sich selbst, der Landschaft, der Familie, der Gesellschaft mit ihren Zwängen, in die man unfreiwillig geworfen ist. So sehr man sich auch bemühen mag zu fliehen. Etwa in die Armee, in der schließlich auch Jakob landet. Zu welcher Heeresabteilung Alexander seinem Bruder raten soll, ist schwierig. Ist er doch „ein so zarter Junge“.

Roman Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald. S. Fischer. 301 Seiten, 20,60 Euro.