Letztes Update am Di, 31.01.2017 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Verleger Albert Eibl: Erfolgreich in der Nische

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt: Seit bald drei Jahren betreibt Albert C. Eibl mit dem Verlag „Das vergessene Buch“ bedeutende Literatur-Archäologie.

© privatGründete einen „Ein-Mann-Verlag“ namens „Das vergessene Buch“: Albert C. Eibl.



Wien – Jung, literaturbegeistert und mutig: Der 1990 in München geborene Albert C. Eibl spürt mit seinem (noch) Ein-Mann-Verlag „Das vergessene Buch“, kurz DVB, verlorene literarische Schätze der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg auf und beschert erstaunlich heutiges Lesevergnügen. Marta Karlweis, Maria Lazar und Else Jerusalem kann man bis jetzt wiederentdecken, weitere Autorinnen und Autoren werden folgen. Im TT-Gespräch erzählt Eibl von seinen Bücher-Kindern und den Geschichten dahinter.

Sie waren 24, als Sie Ihren Verlag gründeten. Wie kommt man auf eine so waghalsige Idee?

Albert Eibl: Die Idee mit dem Verlag kam relativ spontan. Es gab keine lange Vorlaufzeit, als ich Ende 2014 das erste Buch, Maria Lazars „Die Eingeborenen von Maria Blut“, herausbrachte. Ich habe mich einfach hineingestürzt, auch weil ich dachte, wenn ich sechs Monate verschiedene Businesspläne rauf und runter rechne, bin ich nur demotiviert. Im Nachhinein war das eine gute Entscheidung, da der Verlag sich mittlerweile selbst trägt und ein bisschen etwas überbleibt, mit dem man neue Bücher machen kann. Das Verlagswesen ist eine schwierige Branche, und gerade meine Bücher sprechen, bis jetzt, eher ein Spezialpublikum an, das sich für diese Literatur interessiert. Daher bewegen sich auch die Auflagen zwischen 1000 und 1500 Stück, die man realistisch innert zwei Jahren verkaufen kann. Sehr erfreulich ist, dass die Erstauflage von Else Jerusalems „Der heilige Skarabäus“ in den nunmehr drei Monaten seit Erscheinen fast ausverkauft ist und nachgedruckt wird.

Was hat Sie gereizt, gerade Else Jerusalems Skandalroman von 1909, den man zu Recht als „Anti-Mutzen­bacher“ bezeichnen kann, neu aufzulegen?

Eibl: Das ist ein wichtiges Buch, einer der wenigen österreichischen Romane, der das Rotlichtmilieu auf realistische Weise behandelt. Zudem gibt es einen frappanten Gegenwartsbezug, da viele Dinge in dem Geschäft der Prostitution heute noch nach denselben Mustern ablaufen wie zur Zeit um 1900. Da lässt sich ein ziemlich großer Bogen spannen von damals, wo Wien mit 50.000 Prostituierten als „Welthauptstadt der Erotik“ galt, ins Heute, wo Abhängigkeiten, Ausbeutung und Mädchenhandel nach wie vor ein ähnliches Gesicht haben wie in Jerusalems „Skarabäus“.

Woran liegt es, dass dieses Buch in Vergessenheit geraten ist?

Eibl: Es ist erstaunlich, Else Jerusalems „Skarabäus“ ist beim Verlag S. Fischer erschienen, hat zwischen 1909 und 1933 sehr große Auflagen erzielt und wurde zudem in zahlreiche Sprachen übersetzt: Als Els­e Jerusalem 1911 nach Argentinien ging, kannte man dort ihren Roman schon! Offensichtlich hat sich der S. Fischer Verlag jedoch nie die Mühe gemacht, nachzuschauen, was seine früheren Erfolge abseits von Thomas Mann oder Stefan Zweig waren. Ich freue mich natürlich über so etwas!

Hat das Vergessen von Autorinnen wie Else Jerusalem, Maria Lazar oder Marta Karlweis damit zu tun, dass sie Jüdinnen waren?

Eibl: Ich denke, nicht nur. Maria Lazar zum Beispiel war eine jüdische, aber vor allem eine sehr unbequeme Autorin. Ihr Roman „Die Eingeborenen von Maria Blut“, der das zunehmende Hineingleiten einer Provinzstadt in den Nationalsozialismus beschreibt, ist ja einer der wenigen österreichischen Widerstandsromane. Das wollten die Leute nach dem Zweiten Weltkrieg in der herrschenden Aufbau- und Verdrängungsstimmung nicht mehr lesen. Das führt dann zu solchen Leerstellen, bietet aber für meinen Verlag Chancen.

Was fasziniert Sie so an der Literatur der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit?

Eibl: Es ist einfach eine unglaublich spannungsreiche Zeit der Konflikte und ideengeschichtlichen Brüche. Auf Maria Lazar bin ich durch einen meiner Professoren am Institut für Germanistik in Wien, Johann Sonnleitner, gestoßen, der mich in der Folge auch auf Marta Karlweis aufmerksam gemacht hat. Die Grazer Germanistin Brigitte Spreitzer ist an mich bezüglich Else Jerusalems „Skarabäus“ herangetreten, ohne sie hätte ich davon auch nicht gewusst. So gesehen hat sich der Verlag diese Sparte „jüdische Autorinnen der österreichischen Zwischenkriegszeit“ ausgesucht, und dann ergab ein Buch das andere. Das heißt natürlich nicht, dass sich der Fokus in Zukunft nicht erweitert. Ich will meinen Verlag grundsätzlich allgemein begreifen als Verlag für zu Unrecht vergessene Autoren aller Couleurs, die entweder aus rassistischen, ideologischen oder politischen Motiven verdrängt wurden. Das ist meine Nische.

Sie deuteten einmal an, mit Ihren Büchern den Versuch zu unternehmen, den Kanon zu revidieren. Keine einfache Mission!

Eibl: Stimmt! Maria Lazars „Vergiftung“ zum Beispiel ist der einzige expressionistische, österreichische Roman, und damit kann man den Kanon schon ergänzen. Es wäre schön, wenn in zehn Jahren einige Autorinnen so etabliert wären, dass man sie kennt, sie Einlass gefunden haben in Lexika, Vorlesungen etc. und der österreichische Kanon von Zweig, Canetti oder Musil ergänzt würde durch bis dato vergessene und, mit Nachdruck gesagt, weibliche Autorinnen.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Eibl: Die Beendigung meiner Masterarbeit in Germanistik! (lacht). Im Frühjahr erscheint zur Ankurbelung von Marta Karlweis’ Wiederentdeckung, und um die Vielschichtigkeit dieser Schriftstellerin zu zeigen, nach „Don Juan“ nun ihr letzter Roman mit dem Titel „Schwindel“ aus dem Jahr 1931. Im „Schwindel“ geht es um Immobilienspekulation rund um ein Mietshaus in der Wiener Vorstadt, mit wunderbar intelligenten und klarsichtigen Milieuschilderungen.

Das Gespräch führte Bernadette Lietzow