Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 13.05.2017


TT-Interview

Josef Haslinger: “Auch Lesen ist ein Akt der Freiheit“

„Wir leben in einer Zeit, in der die Literatur wieder einmal ihre Unschuld verliert“, sagt Josef Haslinger. Die TT traf den Schriftsteller am Rande der heute zu Ende gehenden Innsbrucker Wochenendgespräche zum Interview.

© Thomas Boehm / TTJosef Haslinger wurde mit dem Roman „Opernball“ weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt.Foto: Böhm



Sie waren von 2013 bis Anfang des Jahres Präsident des deutschen PEN-Zentrums. Vielleicht klären wir zunächst, was sich hinter diesem Akronym verbirgt.

Josef Haslinger: Es steht für „Poets, Essayists, Novelists" und ist eine weltweit agierende Schriftstellervereinigung. Sie wurde 1921 in London gegründet — und propagiert die Freiheit des Wortes und von Zensur. Während des Ersten Weltkriegs waren Autoren Teil der Propagandamaschinerie, haben dazu beigetragen, dass sich die Gräben zwischen den Ländern auch auf geistig-intellektueller Ebene vertiefen. PEN war eine Initiative im Zeichen der Völkerverständigung — und ist es bis heute geblieben. Wer die PEN-Charta unterschreibt, tritt dafür ein — und stellt sich gegen Rassenhass, Ausgrenzung und Zensur.

Was heißt das konkret?

Haslinger: Konkret heißt das, dass man versucht, Autorinnen und Autoren zur Hilfe zu kommen, die bedroht werden. Rund 800 Schriftsteller werden derzeit wegen ihrer Arbeit weltweit verfolgt, das kann man in den Listen des Programms „writers in prison" nachlesen.

Und welche Maßnahmen ergreifen Sie?

Haslinger: Es geht zunächst darum, Öffentlichkeit herzustellen, Politiker für das Thema zu sensibilisieren, sie dazu aufzufordern, diese Fälle bei Reisen in die jeweiligen Länder anzusprechen. Konkret geht es auch darum, verfolgten Autoren den Weg ins Exil zu ermöglichen. Das deutsche PEN-Zentrum etwa vergibt acht Exil-Stipendien, die Autoren die Möglichkeit bieten, drei Jahre sicher in Deutschland zu leben.

Öffentliches Interesse erregen meist nur drastische Fälle.

Haslinger: Ja, im Fall des Bloggers Raif Badawi zum Beispiel, der 2012 in Saudi Arabien verhaftet und wegen Beleidigung des Islam zu zehn Jahren Gefängnis und 1000 Peitschenhieben verurteilt wurde, gelang es wenigstens, so großen öffentlichen Druck zu erzeugen, dass die Peitschenhiebe ausgesetzt wurden. Ausgesetzt, nicht abgeschafft. Daneben allerdings gibt es viele Fälle, die kaum Aufsehen erregen, die ganz normale Verfolgung sozusagen. In Bangladesch etwa sind Blogger besonders gefährdet. Eine radikal-islamistische Gruppe hat Todeslisten angelegt, mehrere Blogger wurden ermordet. Einer der Verfolgten, dem die Flucht nach Indien gelang, lebt inzwischen im Exil in Deutschland. In einem anderen Fall gelang einem syrischen Blogger die Flucht nach Ägypten und von dort in die Türkei, wo er ohne Pass lebte. Die Autorin Olga Grjasnowa hat ihn in Istanbul kennen gelernt — und den PEN informiert. Über die deutsche Botschaft haben wir seine Ausreise organisiert. Am Flughafen wurde er verhaftet. Obwohl er illegal in der Türkei lebte und in Deutschland einen sicheren Aufenthaltsstatus gehabt hätte. Wir haben von vorn begonnen — und er ist ein zweites Mal am Flughafen verhaftet worden. Erst beim dritten Versuch durfte er ausreisen. Es war absurd.

Wenigstens geografisch sind diese Fälle weit weg ...

Haslinger: Es geht noch weiter, China beschäftigt uns immer. Und an den chinesischen Behörden beißen wir uns zumeist die Zähne aus: Es gibt Fälle, in denen Autoren vorzeitig entlassen wurden — aber Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo bleibt in Haft. An ihm wird ein Exempel statuiert. Genauso wie in der Türkei im Fall des inhaftierten Journalisten Deniz Yücel.

Da wollte ich mit meiner Frage hin: Auch in der Türkei wird die Meinungsfreiheit derzeit attackiert. Oder — um ein noch näheres Beispiel anzuführen — in Ungarn, also unmittelbar vor der österreichischen Haustür.

Haslinger: Die Einschläge kommen näher, ja. Die Entwicklung in Ungarn, aber auch die in Polen ist besorgniserregend: Den Mächtigen gelang es, ihre Macht mit populistischen Parolen vergleichsweise stabil abzusichern. Jetzt sind sie darum bemüht, die Medien und die Justiz unter ihre Kontrolle zu bringen. Eine politische Opposition gibt es in Ungarn im Grunde nicht mehr, dass es noch eine intellektuelle Opposition gibt, hat sich bei den Protesten gegen die Schließung der Mitteleuropäischen Universität in Budapest gezeigt.

Rechtspopulisten legen beinahe europaweit zu — und eines ihrer gängigen Feindbilder sind Intellektuelle.

Haslinger: Jede Bewegung, die ihre Macht sichern will, braucht auch einen intellektuellen Überbau — und es gibt auch rechtsradikale Intellektuelle, einen rechtsradikal-intellektuellen Diskurs, denken Sie etwa an die „Identitäre Bewegung". Das sind keine dummen Leute, die haben ein klares Programm: Es gilt, das Monopol liberaler, ja linksliberaler Ideen zu brechen. Dafür braucht es Feindbilder, die dafür stehen, was es zu bekämpfen gilt. Schriftsteller kommen ja zumeist nicht in die Schusslinie der Macht, weil sie Gedichte schreiben, sondern dann, wenn sie in Essays, Artikeln oder im Fernsehen ihre Meinung sagen. Asli Erdogan wird in der Türkei wegen ihrer Kolumnen verfolgt.

Das heißt, Literatur im engeren Sinne ist ungefährlich?

Haslinger: Nein. Literatur heißt, dass ein Möglichkeitsraum sprachlich eröffnet wird, der hinter den gegebenen Realitäten liegt. Lesen ist keine passive Tätigkeit, ein Leser konsumiert nicht einfach, er formt sich aus abstrakten Zeichen, nichts anderes ist die Schrift, eine Welt. Nicht nur Schreiben ist ein Akt der Freiheit, auch Lesen. Und in Literatur schlummert immer eine gewisse Gefahr für die Macht. Sie hinterfragt Begriffe, vermeintliche Wahrheiten und Regeln, verlangt Empathie, Konzentration und die Bereitschaft weiterzudenken.

Sie unterrichten am Literaturinstitut Leipzig. Gerade solchen Schreibschulen wird vorgeworfen, sie seien mitverantwortlich für marktkonform unpolitische Befindlichkeitsromane.

Haslinger: Ganz unbegründet war dieser Vorwurf ja nicht. Worüber hätten die Studierenden denn schreiben sollen: Coming-of-age-Romane, Drogenerfahrungen, Probleme mit dem Elternhaus, das waren ihre Erfahrungen. Es gab eine Zeit, da führte mich gefühlt jeder zweite Text in den Berghain (Technoclub in Berlin; Anm.). Aber ich habe den Eindruck, dass sich das in den letzten Jahren geändert hat. Wenn sich die Widersprüche verschärfen, wenn gegen Menschen gehetzt wird, wenn sich das gesellschaftliche Klima ändert, reagieren auch junge Schriftsteller. Sie fühlen sich herausgefordert, das nicht zuzulassen. Sie beschäftigen sich mit diesen Themen. Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der Literatur wieder einmal ihre Unschuld verliert.

Das Gespräch führte Joachim Leitner




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