Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 20.05.2017


Bezirk Imst

Heimatlos in und fern der Heimat

Auf Einladung der Oberländer Literatur-Plattform Wortraum präsentierte Autorin Elisabeth Malleier ihr Buch „Rabenmutterland“.

Selbst die Jugend als Hölle erlebt, schreibt die Historikerin Elisabeth Malleier über die Südtirol-Option und menschliche Abgründe.

© HauserSelbst die Jugend als Hölle erlebt, schreibt die Historikerin Elisabeth Malleier über die Südtirol-Option und menschliche Abgründe.



Imst – Ob sie jetzt eine Schriftstellerin sei, weil sie ein Buch geschrieben habe und bereits die zehnte Lesung absolviere, möchte sie nicht beurteilen, meinte die aus Südtirol stammende und in Wien lebende Autorin Elisabeth Malleier. Auf Einladung der Oberländer Literatur-Plattform Wortraum präsentierte die Historikerin und Autorin ihr Buch „Rabenmutterland“ in der Imster Buchhandlung Wiederlesen. Die Reaktionen der zahlreich erschienenen Zuhörer gingen definitiv in Richtung Würdigun­g einer Schriftstellerin.

Im Zentrum des Werkes steht die Geschichte zweier Frauen in Südtirol, Anna und Rosa. Beide waren Alleinerzieherinnen, als sie sich 1940 im Rahmen der Südtirol-Option entschieden, mit ihren Kindern auszuwandern. Nach fünf Kriegsjahren und sieben Friedensjahren in Österreich kehrten beide Frauen als „Rücksiedlerinnen“ zurück. Resümee: aus Südtirol verwiesen, in Nordtirol nicht erwünscht, heimatlos hier wie dort.

Präzise recherchiert und in Folge sehr penibel beschreibt Malleier die Auswirkungen der Politik auf Menschen in Zeiten von Diktaturen. Bewegend thematisiert sie die Abgründe einer Gesellschaft, in der die Stigmatisierung von psychiatrisch Erkrankten, Alkoholismus und Gewalt in der Familie allgegenwärtig waren. Selbst eine leidvolle Kindheit hinter sich und die halbe Welt per Autostopp entdeckt, flicht Malleier Kindheits- und Jugenderinnerungen in das Werk mit ein. Die 1961 geborene Autorin, die selbst einige glückliche Jahre im Kinderdorf erlebte, ist überzeugt davon, dass die Gefahren in der Familie und nicht auf der Straße lauern. Sie empfiehlt daher tyrannisierten Jugendlichen, ihre Familie so schnell wie möglich zu verlassen.

Erschienen ist „Raben­mutterland“ beim Alphabeta Verlag. (hau)