Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 08.07.2017


Bachmann-Wettbewerb

Gern ein bisschen gammeliger

Nach zwei von drei Vorlesetagen gelten Ferdinand Schmalz und John Wray als Favoriten eines bislang mäßig mitreißenden Bachmann-Wettbewerbs.

Der bislang vornehmlich als Dramatiker in Erscheinung getretene Ferdinand Schmalz hat gute Chancen auf den Bachmann-Preis.

© ORFDer bislang vornehmlich als Dramatiker in Erscheinung getretene Ferdinand Schmalz hat gute Chancen auf den Bachmann-Preis.



Klagenfurt – Zum Auftakt am Mittwochabend gab Eröffnungsredner Franzobel den Schwarzmaler: „In spätestens fünfzig Jahren wird man Buchhandlungen, Bücherregale, ja selbst Bücher so verwundert ansehen wie heutzutage Jugendliche ein Tonbandgerät, ein Pornokino oder eine Steintafel mit sumerischer Keilschrift.“

Und apokalyptisch ging es weiter: Karin Peschka („Wiener Kindl“) und Noemi Schneider („Fifty Shades of Gray“) brachten Weltuntergangsgeschichten mit zum Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb – und gingen damit prompt baden. Zarter Hoffnungsschimmer des ersten Vorlesetages: John Wray, US-Amerikaner mit Kärntner Wurzeln, dessen Erzählebenen-Slalom „Madrigal“ mit viel Lob bedacht wurde. Wobei selbst kritische Stimmen irgendwie euphorisch klangen. Meike Feßmann etwa ging der Frage nach, ob man einem Text seine Virtuosität zum Vorwurf machen könnte. Kurzum: In Wray und dessen erster auf Deutsch verfasster Erzählung hat die Jury einen Preisfavoriten ausgemacht.

Einen zweiten, noch eindeutigeren, konnte sie am Freitagmorgen umschmeicheln: Ferdinand Schmalz’ „mein lieblingstier heißt winter“ ist abgründig, witzig und an den dramaturgisch richtigen Stellen rätselhaft genug, um spannend zu bleiben. Oder, in den Worten von Sandra Kegel, die den bislang vornehmlich als Dramatiker in Erscheinung getretenen Grazer eingeladen hat: „Eine Schauergeschichte voll gammeliger Erhabenheit“, kurzum: „makellos“. Gelobt wurden auch Auftritt und erzählerische Raffinesse der Wienerin Verena Dürr, deren Text „Memorabilia“ die Oberflächlichkeit und den Wertsteigerungswahn des Kunsthandels seziert.

Zwiespältig fielen hingegen die Urteile für die von Hustenreiz geplagte Barbi Markovic („Die Mieter“) und Jackie Tomae („Cleanster“) aus. Und vollends am Geschmack der meisten Juroren vorbei erzählte Jörg-Uwe Albig von einem Archäologen, der in der titelgebenden „Steppe“ zwar keine Franzobel’sche Keilschrift, aber eine Kapelle entdeckt – und sich in diese verliebt. Meike Feßmann, die den Autor und seinen – tatsächlich ziemlich vorgestrigen – Text zum Wettlesen eingeladen hatte, konstatierte, dass ihre Kolleginnen und Kollegen keine klassischen Liebesgeschichten mehr erkennen könnten.

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Was einmal mehr deutlich machte: Am unterhaltsamsten ist der Wettbewerb, wenn die Jury kurz von den Autoren ablässt – und sich gegenseitig triezt.

Am heutigen letzten Lesetag präsentieren der Deutsche Eckehart Nickel, die Schweizer Gianna Molinari und Urs Mannhart sowie die Südtirolerin Maxi Obwexer ihre Wettbewerbsbeiträge. 3Sat überträgt ab 10 Uhr live. Die Preise werden am Sonntag vergeben. (jole)