Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 24.07.2017


Literatur

Satirischer Literatur-Findling

Marta Karlweis’ Roman „Schwindel“ entführt in das Wien der Ersten Republik.

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© Literaturmuseum Altaussee



Von Bernadette Lietzow

Wien – „In diesem Haus sind unsere Seelen gemordet worden“, schreibt die verrückte Fritzi in ihrer „langbeinig daherjagenden Kontoristenschrift“, deren „Worte so schräg lagen, als würden sie an den Haaren über das Papier geschleift“. Marta Karlweis’ soeben im ambitionierten Verlag „Das vergessene Buch“ erschienener Roman „Schwindel. Geschichte einer Realität“ aus dem Jahr 1931 besticht durch eine Vielzahl origineller, plastischer Sprachbilder. Die „Realität“, im Doppelsinn von Immobilie und Daseins-Wirklichkeit, bringt eine über drei Generationen erzählte Kleinbürgerfamilie an den Rand des moralischen wie finanziellen Ruins.

Der „Schwindel“, das Vorgaukeln falscher Tatsachen, ist das weiche Rückgrat der weit verzweigten Sippe der Schnabels. Das Vermögen der Mutter entwendet der selbsternannte Erfinder Franz, indem er es in das vermeintlich gewinnbringende Zinshaus seiner gierigen Ehefrau investiert, wissend, dass es sich um eine Bauruine in „polizeiwidrigem Zustand“ handelt. Die schon erwähnte Fritzi beherrscht mittels finanzieller Zuwendungen die großteils verarmten Verwandten – mit den Erträgen raffinierter Unterschlagungen als Buchhalterin. Ihr Bruder Leo ist ein verharmlosend „Lumperl“ genannter Gauner, der in Kansas City zugrunde geht, den Fritzi jedoch mit fingierten Dollar-Sendungen als erfolgreichen Auswanderer weiterleben lässt. Der „dumme“, weil lebensängstliche Ernstl entdeckt als nach „Lysol und Menschenherde“ stinkender Soldat mitten im Ersten Weltkrieg seinen „Mannesmut“, für dessen Folgen er Geld für eine Abtreibung entwendet und freiwillig in den Wassern der Donau Abschied von der Welt nimmt. Lichtgestalt in ihrer grundgütigen Naivität, die sie nicht nur ihre schrecklich nette Familie, sondern auch ihren egozentrisch-erfolglosen Musikergatten ertragen und überleben lässt, ist Olga, die Schneiderin und im besten Sinn mütterliche Figur, die das Kind ihres Sohnes in eine hellere Zukunft führen wird.

Sehr gegenwärtig kommt dieses vergnüglich zu lesende Buch daher, dem 2015 schon die Wiederentdeckung von Karlweis’ Roman „Der österreichische Don Juan“ vorausging. Gewandt und mit viel Witz entfaltet die 1889 geborene Autorin ein fast karnevaleskes Panoptikum an gut beobachteten und pointiert gezeichneten Figuren. „Schwindel“ sollte ihr letztes literarisches Werk bleiben: Karlweis, in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller Jakob Wassermann verheiratet und fest verankert in der Literaturszene ihrer Zeit, musste als Jüdin emigrieren und arbeitete bis zu ihrem Tod 1965 im kanadischen Ottawa als Psychoanalytikerin. Ihre Bücher holen sie nun ein Stück weit zurück in ihre Heimat.

Roman Marta Karlweis: Schwindel. Geschichte einer Realität. DVB Verlag. 240 Seiten, 22 Euro.

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