Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 25.08.2017


Literatur

Der Krieg in Klammern

Mit seinem mitreißenden Bosnien-Roman „Phantome“ schaffte es der junge Tiroler Schriftsteller Robert Prosser auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis.

© HaukeRobert Prosser, Jahrgang 1983, erhielt 2015 das Hilde-Zach-Förderstipendium der Stadt Innsbruck.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Im Juli 2015 jährte sich das Massaker von Srebrenica zum 20. Mal. Tage vorher scheiterte eine UNO-Resolution, in der das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs, das mehr als 8000 bosnische Muslime das Leben kostete, als Völkermord bezeichnet wurde, am Veto Russlands, das als mächtigster Verbündeter Serbiens gilt. Die Gedenkveranstaltung in Srebrenica wenige Wochen später wurde von Steinattacken auf den damaligen serbischen Premier Aleksandar Vucˇi´c überschattet. Dass am selben Tag weitere 136 Opfer des Genozids identifiziert und bestattet wurden, verkam zur Randnotiz.

In seinem neuen Roman „Phantome“ lässt der 1983 in Alpbach geborene Autor Robert Prosser zwei österreichische Bosnienreisende die Szenen in Srebrenica miterleben. Sara, deren Mutter einst vor dem Krieg nach Wien flüchtete, hat ihren Freund zur Reise auf den Balkan überredet. Erzählt wird das, was sie dort erleben, aber aus seiner Perspektive. Das ist Prossers erster kluger Kniff: Die Eindrücke prasseln ungefiltert auf einen, auch emotional, Unbelasteten ein, der eigentlich nur hier ist, weil er keine drei Wochen aufs Vögeln verzichten wollte. Nach und nach entsteht aus dem, was er sieht und hört, und dem, das er sich daraus zusammenreimt, das höchst ambivalente Bild einer Gesellschaft, die – nachgeboren hin oder her – vom Krieg, der hier wütete, geprägt ist. Klug übrigens ist der Kniff auch aus erzählökonomischer Sicht: Was sich dem Protagonisten in wenigen Worten erklären lässt, sollte auch für Leserinnen und Leser nachvollziehbar sein. „Phantome“ ist nicht nur ein mitreißend intensiver, sondern auch ein ungemein informativer Roman. Wobei Ereignisse im Jahr 2015 nur die Klammern der eigentlichen Geschichte sind.

Die beginnt 1992 und handelt von Saras Mutter Anisa und ihrem Freund Jovan, deren Leben der Krieg sprichwörtlich zerreißt. In einander abwechselnden Episoden – manche korrespondieren motivisch, andere thematisch – wird ihr Leben erzählt: Es geht um Verletzungen und aufkeimende Hoffnung, Alltägliches, Außerordentliches, Brutales und Berührendes, Geglücktes und grandios Gescheitertes. Dabei sind es zumeist die kleinen Momente, die Prosser interessieren, vermeintliche Nebensächlichkeiten, die er immer wieder zu beeindruckenden und beeindruckend vielsagenden Miniaturen ausgestaltet, in denen sich Schönheit und Schrecken, Zauber und Verzweiflung bisweilen bedrohlich nahe kommen.

Kurzum: „Phantome“, ein Roman weniger über Krieg als darüber, was Krieg mit Menschen macht, ist ein ebenso ambitioniertes wie gelungenes Buch. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die ihm dieser Tage geschenkt wird, weil es von einer Fachjury zu einem von 20 Kandidaten für den Deutschen Buchpreis gekürt wurde, hat es sich zweifelsfrei verdient. Der wichtigste Preis der deutschsprachigen Buchbranche wird am 9. Oktober verliehen. Bereits am 28. und 30. September wird Robert Prosser seinen Roman – und dessen multimedial-performative Fortschreibung im Freien Theater Innsbruck – präsentieren. Dann ist auch klar, ob es „Phantome“ auf die Buchpreis-Shortlist geschafft hat, die am 12. September veröffentlicht wird.

Roman Robert Prosser: Phantome. Ullstein fünf. 332 Seiten, 20.60 Euro.