Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 28.10.2017


Literatur

Die Mentalität des Grauens

Der deutsche Schriftsteller Uwe Timm gräbt in seinem Roman „Ikarien“ tief an die Wurzeln des nationalsozialistischen Rassenwahns.

© by Gunter GlücklichGroßer Erzähler, der einmal mehr in den Untiefen der Geschichte gräbt: Uwe Timm.



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Als der deutsche Arzt und Eugeniker Alfred ­Ploetz 1940 in seinem Schloss am Ammersee stirbt, ist das systematische Morden noch lange nicht zu Ende. Ploetz hat den Nationalsozialisten mit seinem Begriff der „Rassenhygiene“ die willkommene theoretische Grundlage dafür geliefert. „Judenstämmling. Züchterischer Blick. Parasitäre fremdblütige Rassen. Erblich Minderwertige. Erbkranke“: Man kaut schwer an diesen Worten. Und kommt ihnen doch nicht aus, wenn Uwe Timm Alfred Ploetz zum Zentrum seines Romans „­Ikarien“ macht.

Wobei es ein Zentrum ist, das Timm mit dem Weitblick eines Autors umkreist, der sich bereits in vielen früheren Werken tief in die Bruchstellen der deutschen Gesellschaft und Geschichte gegraben hat. In diesem Fall treten allein schon in der Biografie von Ploetz tiefe Bruchstellen zutage, war der Eugeniker doch noch in den 1880er-Jahren ein überzeugter Anhänger der Ideen des französischen Frühsozialisten Étienne Cabet, der im Roman „Reise nach Ikarien“ eine Gesellschaftsutopie entworfen – und sie später in den USA auch in die Tat umgesetzt hat. Ein Projekt, das übrigens kläglich scheiterte.

Timm, der seinen Romantitel also von Cabet entliehen hat, führt zunächst mitten hinein in die Ruinen des Übermenschen: Deutschland 1945, Rauch und Trümmer, Knochen, die aus dem Schutt herausragen, der Geruch von Verwesung, Flüchtlingstrecks, letzte Gefechte, amerikanische GIs, die Kaugummis verteilen, es mit dem Fraternisierungsverbot nicht so genau nehmen. Unter ihnen der bereits 1930 als 12-Jähriger mit seiner Familie in die USA emigrierte Offizier Michael Hansen. Er kommt als Besatzungssoldat in die einstige Heimat zurück – und soll Ploetz’ Rolle im NS-Regime untersuchen. Auskunft gibt ihm ein ehemaliger Weggefährte des Arztes: Der Dissident Karl Wagner war in Dachau inhaftiert, „schwer verreist“ nannte man das, schließlich überlebt er den Krieg versteckt im Keller eines Antiquariats. Dort dokumentiert Hansen die Erzählungen des Alten, ein vergleichsweise angenehmer Auftrag, andere, wie sein Mitbewohner in der beschlagnahmten Villa, müssen weit tiefer „in der braunen Scheiße wühlen“.

Wagner jedenfalls erzählt „vom Freund“, bald vom „ehemaligen Freund“, die Anschauungen der einst in sozialistischen Kreisen für das Ideal einer besseren Gesellschaft engagierten Kommilitonen klaffen mehr und mehr auseinander. Zu einem – anfänglich noch als ein leises Gefühl des „Unbehagens“ wahrgenommenen – Wendepunkt wird ausgerechnet eine gemeinsame Reise zu den Ikariern in Amerika, die sich für beide als Enttäuschung entpuppt. Es ist aber nur Ploetz, der darüber zum fanatischen Züchter des vermeintlich besseren Menschen wird, die nichts anderes als die Entmenschlichung ist. „Erst später kam bei ihm das andere Wort auf: die Rasse (…) Und Rasse generierte das Volk und das Volk das Un-Völkische und das Un-Völkische den Volks-Schädling und der Schädling die Schädlingsbekämpfung.“

Man verfolgt diese ideologische Entwicklung vom Gleichheitsstreben zum Rassenwahn mit Beklemmung, Timm erschafft darüber hinaus aber auch ein ungeheuer dichtes Zeitpanorama vom Bismarck’schen Sozialistengesetz über die Münchner Räterepublik bis hin zum „Dumpfdenken vom Ariertum“, in dem der Autor auch so manch prominenten Zeitgenossen wie den Dramatiker Gerhart Hauptmann auftreten lässt.

Der zwischendurch mit amourösen Abenteuern beschäftigte Hansen wiederum ist das Bindeglied zu einer unmittelbaren Nachkriegsgegenwart, in der auch kein amerikanischer Kaugummi den Geschmack des Grauens überdecken kann.

Roman Uwe Timm: Ikarien. Kiepen- heuer&Witsch, 512 Seiten, 24,70 €.




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