Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 28.10.2017


Poetry Slam

Bestandsaufnahme einer bunten Truppe

Assonant alliterierte Rhythmus-Revolten: „Slam, Oida!“ feiert Österreichs Poetry-Slam-Szene.

© Rohrbauer"Papa und Mama Slam": Markus Köhle und Mieze Medusa legen mit "Slam, Oida!" eine Leistungschau der heimischen Szene vor.



Innsbruck – Auch nach 15 Jahren tut es mitunter Not, Grundlegendes zu erklären: Niemand schreibt einen „Slam“ über irgendwas. Geschrieben werden Texte. Manche davon in der Absicht, sie bei Slams vorzutragen. Das wäre dann „Slam Poetry“, während der Vortragsrahmen ein Poetry Slam ist. So weit, so einfach. Trotzdem: Die Frage, was diesen oder jenen „Slam“ denn nun inspiriert habe, wird bei Poetry Slams immer noch gern gestellt. Die Begriffsverwirrung wird auch die von Mieze Medusa und Markus Köhle herausgegebene Handreichung „Slam, ­Oida!“ nicht lösen. Obwohl sich die beiden Pioniere der heimischen Poetry-Slam-Bewegung in klugen Kurzabhandlungen um Klärung bemühen.

„Slam, Oida!“ ist eine Festschrift. Gefeiert werden 15 Jahre Slam in Österreich. Innsbruck wurde früh zu einem der Szene-Zentren. Bereits in den frühen Nullerjahren wurde vor allem im alten Bierstindl gelesen. Inzwischen findet Tirols Vorzeige-Slam in der Kulturbackstube „die Bäckerei“ statt. Ableger – etwa den „Gestaltwandlerslam“ oder den „Slam Dance Battle“ – gibt es im Freien Theater und im Vierundeinzig. Auch im Treib- und selbst im Landhaus finden immer wieder Veranstaltungen statt.

Und die Zeiten, in denen sich Auftretende und Publikum noch mit Küsschen-links-Küsschen-rechts begrüßten, sind auch anderswo passé: Österreichweit gibt es rund 50 regelmäßige Slams – Tendenz und Besucherzahlen steigend.

„Slam, Oida!“ ist also auch Bestandsaufnahme einer beträchtlich gewachsenen Szene – und will nicht zuletzt formale und stilistische Vielfalt abbilden. Texte von insgesamt 41 Slammerinnen und Slammern versammelt der Band: euphorische Selbstbehauptungslyrik von Markus Koschuh („We are Slamily“), assonant Alliterierendes von Elias Hirschl („Als Anna Clara traf), irrwitzige Introspektion von Rebecca Heinrich („wer bin ich?“), Rhythmus-Revolten von Yasmin Hafedh („Revolution“) oder Martin Fritz’ Betrachtungen über das Schneefräsen („Der schmale Grat zwischen Kulanz und Willkür“). Sieht man von manchem negativen Förderbescheid ab – aus einem wird zitiert –, haben Österreichs Slam-Poeten dieser Tage kaum Grund zum Jammern.

Und wenn, dann gilt: „Jammern auf hohem Niveau“. So heißt übrigens Markus Köhles zweite dieser Tage erschienene Buchveröffentlichung: ein sprichwörtlich hochprozentiger Text undefinierter Gattung. Köhle nennt ihn „Barhocker-Oratorium“. Man könnte auch „Trinker-Ballade“ sagen. Oder „Prostpflaster-Philosophicum“. Denn klug ist das, was Köhle seine alle irgendwie angeknacksten Figuren, die sich zumeist in einer Bar namens Bierpipeline treffen, so denken und sagen lässt, fraglos. Und lustig. Und irgendwie auch traurig. Ein bisschen so wie das Leben also. Nur etwas wortgewandter. (jole)

Anthologie. Markus Köhle/Mieze Medusa (Hrsg.): Slam, Oida! Lektora, 260 Seiten, 14.30 Euro. Präsentation. Montag, 30. Oktober, Buchhandlung Wagner’sche. Beginn: 19.30 Uhr. Prosa. Markus Köhle: Jammern auf hohem Niveau. Ein Barhocker-Oratorium. Sonderzahl, 150 Seiten, 20.50 Euro.