Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 19.02.2018


Literatur

Klimawandel im Kühlkeller

Eindrucksvoll: In Norbert Gstreins neuem Roman „Die kommenden Jahre“ behält ein Gletscherforscher trotz Beziehungs- und Flüchtlingskrise seinen kühlen Blick auf die Welt.



Von Joachim Leitner

Spitzmarke – Manche Erziehungsmaßnahmen hinterlassen Spuren: Als Spross einer Tiroler Hoteliersfamilie wurde Richard immer dann, wenn er über die Strenge geschlagen hatte, in die Kühlkammer gesperrt. Da verwundert es wenig, dass er später Karriere als Glaziologe machte. Gletscherkundler sind dieser Tage gefragt. Stichwort Klimawandel. Aber eigentlich nimmt sich Richard gerade eine Auszeit. Er will das Sabbatical nicht zuletzt dazu nützen, um vorläufige Bilanz zu ziehen. Schließlich steht er ziemlich genau in der Mitte seines Lebens. Da werden die Möglichkeiten, sich neu zu orientieren, übersichtlicher. Da darf man sich schon einmal fragen, ob das Bisherige alles oder alles nichts gewesen ist.

Zu einer Fachtagung in Übersee bricht er trotzdem auf. Oder gerade deswegen. Denn auch zwischenmenschlich ist das Klima im Wandel: Richard und seine Frau Natascha – eine Schriftstellerin – haben sich auseinandergelebt, scheinbar ungefährliche Diskussionen münden in Streits. Wobei Natascha ungerührt mit Totschlagargumenten um sich wirft: Wer als Kind im Kühlkeller saß, müsse zum „Eismann“ werden, schmettert sie ihm entgegen, als Richard ihr im Zusammenhang mit ihrem Engagement für eine aus Syrien geflüchtete Familie nicht ganz uneigennützige Absichten unterstellt.

Ja, Norbert Gstreins neuer Roman „Die kommenden Jahre“ ist auch ein Buch über die so genannte Flüchtlingskrise der Jahre 2015 und 2016: Es geht um Mitgefühl und Misstrauen, noble Gesten und Narzissmus, um Integration und irrationale Ängste. Irgendwann wird Natascha Lesungen mit dem Familienoberhaupt veranstalten. Herr Farhi soll auf der Bühne jene Fluchtgeschichte als authentisch beglaubigen, die Natascha mit anderswo Auf- und Angelesenem ausgeschmückt hat.

Spätestens dann ist „Die kommenden Jahre“ mittendrin in Norbert Gstreins großem Thema: dem Erzählen und der kraftvollen Kritik daran, der Fiktion, die – wiewohl viele ihrer offensichtlichsten Elemente der Wirklichkeit abgetrotzt scheinen – Fiktion bleibt. Kurz: Die Frage, wem eine Geschichte nun gehöre – dem, der sie erzählt, oder jenen, von denen erzählt wird –, könnte man auch am Beispiel von „Die kommenden Jahre“ diskutieren.

Augenscheinlich wird das Bild eines Romans, der sich selbst als Roman zu erkennen gibt, spätestens in den letzten Kapiteln von „Die kommenden Jahre“. Hier bietet ­Gstrein, beziehungsweise sein in der ersten Person erzählender Protagonist Richard, zunächst zwei mögliche Enden der Geschichte an – eines für „Literaturliebhaber“ und ein anderes – und überschreibt die letzten Absätze mit „Was wirklich geschehen ist“. Dass keines der drei Enden wirklich hoffnungsstiftend ist, darf verraten werden. Mehr allerdings nicht.

Denn „Die kommenden Jahre“ begnügt sich nicht damit, eine sprachlich ungemein sensibel gearbeitete literarische Spielerei über mehr oder weniger wahrscheinliche Möglichkeiten zu sein, sondern ist zudem eine klug komponierte, durchwegs spannende Geschichte, die sich durchaus auch auf fein dosierte Kolportage versteht.

Gekonnt arbeitet Gstrein mit Vorgriffen, legt Spuren und Hinweise aus – und wartet mit unerwarteten Wendungen auf. Ungefähr in der Mitte des Romans etwa klingt eine ganz ungeheuerliche Katastrophe an, die Indizien darauf verdichten sich – und dann kommt alles doch ganz anders.

Der Umgang mit den nach wie vor brennend aktuellen Themen ist dabei an keiner Stelle dogmatisch – und nie frei von Ironie. Gstrein nützt sie nicht zuletzt als Mittel der Distanzierung. So verkommt „Die kommenden Jahre“ nie zur gutherzigen Weltschmerz-Gesinnungsprosa – und läuft auch nicht Gefahr, sich in besonders abgebrühtem Zynismus zu gefallen. In Zeiten permanenter Meinungsüberhitzung und schlagzeilenträchtiger Schwarzmalerei ist es gerade dieser – in mehrfacher Hinsicht – kühle Ton, der aus Norbert Gstreins „Die kommenden Jahre“ einen ebenso wichtigen wie eindrucksvollen Roman macht.

Roman Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre. Hanser, 285 Seiten, 22.70 Euro. Präsentation. Mittwoch, 21. Februar, in der Buchhandlung Haymon, Innsbruck. Beginn: 19 Uhr.