Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 23.02.2018


Literatur

Ein Findling geht verloren

In seinem neuen Roman „Drei Sekunden Jetzt“ widmet sich Hans Platzgumer Fragen, die zu groß sind, um angedacht zu werden. Deswegen spielt er sie meisterhaft durch.

© Kleiner/platzgumer.netHans Platzgumers Roman „Drei Sekunden Jetzt“ ist dieser Tage erschienen.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Irgendwann, in einer vielleicht nicht allzu fernen Zukunft, wird sich eine kommende Germanistengeneration auch über die Romane des lange Jahre vornehmlich als Musiker bekannten Tirolers Hans Platzgumer hermachen. Ein gängige Forschungsfrage künftiger Bachelor- oder Masterarbeiten, ja, so heißen Diplomarbeiten in Zeiten von Bologna, könnte lauten: Wie gelingt es Platzgumer, vergleichsweise abstrakte Ideenromane in mitreißende Abenteuererzählungen zu verwandeln? Das war schon in Platzgumers bislang gelungenster Buchveröffentlichung, der geschickt verschachtelten Novelle „Trans-Maghreb“ (2012), so – und geriet mit dem 2016 veröffentlichten Roman „Am Rand“ zum großen Wurf, der – etwas überraschend – auf der Longlist für den renommierten Deutschen Buchpreis landete. In „Am Rand“ schreibt einer, der die Allgegenwart des Todes erfahren hat, sein Leben nieder – um wenigstens durch diese Niederschrift eine Ahnung von Ordnung und Folgerichtigkeit zu erhalten.

Nun, in „Drei Sekunden Jetzt“, dem neuesten Roman des 1969 in Innsbruck geborenen und inzwischen in Bregenz lebenden Schriftstellers, blickt erneut ein Ich-Erzähler zurück – und beschäftigt sich letztlich mit der ganz großen, im Grunde schon zur Floskel geronnenen Frage: Woher kommen wir, wohin gehen wir? Oder anders: Wie wird man zu dem, der man ist? Und was wird man, wenn man nicht weiß, wer man eigentlich ist?

Wie gesagt: ein Ideenroman. Und trotzdem liest man wie gebannt. Bei Platzgumer schwirrt einem nicht der Kopf, vielmehr rast das Herz. „Drei Sekunden Jetzt“ ist eben eine atemraubende Abenteuergeschichte.

Was zunächst mal am leise ironischen, durchwegs lakonischen Ton liegt, den er auch in „Drei Sekunden Jetzt“ anschlägt. So heißt es etwa gleich zu Beginn, dass manche Gedanken – etwa der vom Woher und Wohin der Menschheit – zu groß seien, um angedacht zu werden. Was noch lange nicht heißt, dass sie nicht durchgespielt werden können.

Da ist zum Beispiel der Ich-Erzähler François, der vielleicht gar nicht François heißt, sondern nur von seinen Adoptiveltern so getauft wurde. François also ist ein Findling, seine Mutter, die Frau, die seine Mutter hätte sein können, ließ ihn als Quasi-Neugeborenes am Zeitungsstand im Supermarkt zurück. Man kann darin einen Akt der Fürsorge sehen: Es hätte auch das Schnapsregal sein können. So jedenfalls redet sich François die Sache schön, als er etwas älter und gerade dabei ist, von Zuhause auszubüchsen. Es hätte ihm auch wie Lucy gehen können. Die wurde, gerade einmal ein paar Monate alt, wie Unrat am Straßenrand entsorgt.

Allein die Szene, in der sich Lucy und François – sie finden in Marseille zueinander – am so gar nicht einladenden Strand im Beischlaf üben, ist ein Meisterstück in Sachen Montage: Vorblende, Rückblende, Zoom auf Details, Totale, Aktion, Reflexion. Letztlich sind beide zwar erbost, aber auch irgendwie erleichtert, dass sie von einem Sittenwächter vertrieben werden.

Vor allem François ist eine im Grunde passive Figur, einer, der es versteht, gefunden zu werden. Und gerade solche, die vornehmlich den eigenen Vorteil im Blick haben und selbst recht verloren dastehen, verstehen sich darauf, ihn zu finden. So landet er zunächst in einem übel beleumundeten Hotel und später in Übersee, in New York und in Montreal, wo François’ Situation, der mörderischen Kälte zum Trotz, verdammt brenzlig wird.

Der Schluss hingegen ist auf jene unsentimentale Art anrührend, die man am ehesten aus klassischen Kinowestern kennt: Einer, der verloren ging, ist endlich bereit, sich wirklich finden zu lassen. Woher er kam, wohin er gehen wird, darf einem – wenigstens in diesem Moment – herzlich egal sein.

Roman Hans Platzgumer: Drei Sekunden Jetzt. Zsolnay, 251 Seiten, 22.70 Euro. Lesung: Dienstag, 13. März, im Literaturhaus am Inn. Beginn: 19 Uhr. Am Samstag, 12. Mai, liest Hans Platzgumer im Rahmen der „Achensee Literatour“ im Alten Widum Achenkirch. Beginn: 20 Uhr.