Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 26.04.2018


Literatur

Der furchtlose Papst der Ungläubigen

Der Schriftsteller Bernd Schuchter widmet sich in seinem neuen Buch dem Arzt und Philosophen Julien Offray de La Mettrie.

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Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Die Thesen des französischen Arztes und Philosophen Julien Offray de La Mettrie (1709–1751) waren eine große Provokation. Und vielleicht sind sie es heute immer noch. Der Aufklärer vertrat nämlich ein radikal-materialistisches Menschenbild, nach dem die Seele ein Zusammenspiel von komplexen Körperfunktionen sei. Über göttliche und kirchliche Instanzen spottete er. 1748 schrieb er etwa in seinem legendären Werk „L’homme machine“ (Der Mensch als Maschine), „dass die Welt niemals glücklich sein wird, wenn sie nicht atheistisch wird“. Nicht umsonst wurde Julien de Offray spöttisch als „Papst der Ungläubigen“ bezeichnet.

Obwohl eine freie Meinungsäußerung dieser Art während der Zeit des Absolutismus eine lebensbedrohliche Angelegenheit war, hielt ihn nichts von seiner intellektuellen Quertreiberei ab. Er verfasste Polemiken gegen die Ärzteschaft, die seiner Meinung nach den medizinischen Fortschritt verhindern würden.

Der Schriftsteller Bernd Schuchter erzählt in seinem neuen Buch „Herr Maschine oder vom wunderlichen Leben und Sterben des Julien Offray de La Mettrie“ nun vom Leben dieses unangepassten Franzosen. Die Lektüre ist zunächst aufschlussreich, erfährt man doch viele Details über einen Mann, der ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Julien de Offray war, so berichtet Schuchter, keineswegs ein gelehrter Mediziner, der – wie zu seiner Zeit üblich – nur am Schreibtisch praktizierte. Sein Ziel war es, die Medizin zu reformieren, er wollte den Menschen wirklich helfen. Probleme gab es genügend: 1739 starben in Frankreich mehr als 30.000 Menschen an einer Ruhrepidemie und Offray war außerdem mit den Auswirkungen der Syphilis konfrontiert. Er ärgerte sich über seine Medizinerkollegen, die sich naserümpfend von den Patienten abwandten.

Julien de Offrays Aussagen muten modern an, so erkannte er schon das Phänomen der Psychosomatik: „Die Erkrankungen der Seele begleiten die Störungen des körperlichen Befindens oder sie gehen aus ihnen hervor.“

Obwohl der Arzt mit unvorstellbar großem menschlichen Leid konfrontiert gewesen sein muss, scheint ihm der Humor nicht ausgegangen zu sein. Schelmisch lächelt Julien de Offray auf einem Kupferstich, dem wohl einzigen erhaltenen Porträt des streitbaren Wissenschafters. Als Leser ahnt man schon, dass es mit ihm kein gutes Ende nehmen wird. Er starb mit nur 42 Jahren im Jahr 1751. Es war ein Giftmord. Hier beweist Schuchter, dass er schreiben kann. In diesen Passagen wird die Vergangenheit lebendig. Dennoch macht er es dem Leser nicht leicht: Dem Buch ist keine Gattungsbezeichnung vorangestellt, und tatsächlich weiß man oft nicht so recht, ob man sich nun in einem historischen Roman oder in einem philosophischen Geschichtsbuch befindet.

So faszinierend die Persönlichkeit des radikalen Aufklärers auch sein mag, der Funke will nicht recht überspringen. Denn die historische Figur wird nicht zum Leben erweckt. Schuchter überlädt sie viel zu oft mit einem Übermaß an historischen Details und philosophischen Einzelheiten, so dass sie letzten Endes unter einer großen Masse an Gelehrsamkeit verschüttet wird. Das ist schade.

Essay Bernd Schuchter. Herr Maschine oder vom wunderlichen Leben und Sterben des Julien Offray de La Mettrie. Braumüller Verlag, 176 Seiten, 20 Euro.