Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 09.06.2018


Literatur

Autorenblick auf perfekten Po

Der Erstling des Linzer Autors Stefan Kutzenberger ist anregend und erfrischend wie ein Glas Prosecco. Dennoch ist sein Roman „Friedinger“ keine Strandlektüre.

© Corn/DeutikeStefan Kutzenbergers Erstling entfaltet von Beginn an einen großen Sog. Er thematisiert das Autorendasein und die Irrungen des Lebens.Foto: Deutike



Von Alexandra Plank

Innsbruck – Den Prozess des eigenen Schreibens zu thematisieren, ist in der Literatur ein gern gewähltes Motiv. Stefan Kutzenberger beschreibt in der Rolle des Ich-Erzählers das Ringen nach dem Plot für einen Roman. Denn wie er sinnigerweise bemerkt, jemand, der noch nie etwas veröffentlicht hat, ja nicht einmal schreibt, kann sich schwerlich als Schriftsteller bezeichnen.

Inwieweit Kutzenberger in „Friedinger“ tatsächlich seine eigene Biografie erzählt, lässt er in der Schwebe. Fakt ist, dass er zwischen mehreren Erzählsujets wechselt und schließlich ein Drittel der Geschichte in Linz in Form eines Agententhrillers spielen lässt. Die Idee zu diesem Kriminalstück stammt von einem Mann namens Friedinger, den der Ich-Erzähler auf Kreta trifft. Dorthin hat ihn seine Frau geschickt, damit er endlich, ungestört von seiner Familie, seine Gedanken zu Papier bringen kann.

Aufmerksame Leser haben sicher schon bemerkt, dass der Name der Zufallsbekanntschaft, die aus Linz stammt wie der Ich-Erzähler, namensgebend für den Roman ist. Die Tipps für angehende Schriftsteller sind fast so zahlreich wie die jährlichen Neuerscheinungen. Die wichtigsten: Ein Beginn, der eine Sogwirkung entfaltet, und ein Schluss, der einen Punkt setzt, hat Kutzenberger meisterhaft gelöst. Der Roman beginnt mit einem erotischen Tagtraum im Schwimmbad, bei dem eine nackte, langbeinige Schönheit eine Rolle spielt, während sich Herr und Frau Obama als Voyeure betätigen. Das ist doch mal ein Paukenschlag zum Auftakt! So ein Beginn birgt jedoch die Gefahr, dass die Flughöhe gleich hoch ist.

Kutzenberger schafft es jedoch, die einmal gezündete Rakete in die Erdumlaufbahn zu katapultieren. Das Tempo wird beibehalten, gepaart mit Leichtigkeit und beiläufigem Witz. Wer die langbeinige Schönheit ist, erschließt sich dem Leser erst später. Auf Kreta trifft der Protagonist eine französische Studentin. Die beiden schwimmen in die Nachbarbucht. Natürlich müssen sie sich dort der nassen Kleidung entledigen. Die junge Frau kommt auf die Idee, einen Felsen zu erklimmen. Es ist großartig, wie der Autor beschreibt, dass er nahe dem Gesäß der Französin hinter ihr der Höhe zustrebt.

Der Autor hält auch fest, dass es für diesen besonderen Körperteil sehr wenige passende Bezeichnungen gibt. Nicht nur die Nackt-Kletterer erreichen irgendwann den Höhepunkt des Felsens, auch die sexuelle Spannung zwischen den beiden steigt in ungeahnte Höhen. Das Ganze wird ausgereizt, bis die Szene abrupt endet.

Wie Kutzenberger die Annäherung beschreibt, ist große Kunst. Hinsichtlich Erotik scheint er ein Naturtalent zu sein, bei dem mancher große Schriftsteller in Sachen Beschreibung von Sexualität in die Schule gehen könnte.

Präpotente Kraftmeiereien, Gemüsevergleiche und ex­treme Unbeholfenheit – viele, auch bedeutende, Literaten können nicht über Sex schrei­ben. Deshalb wird in London auch jedes Jahr ein Preis für die schlechteste Sexszene verliehen.

Es ist aber nicht diese anregende Szene, deretwegen man das Buch nicht zum Strand mitnehmen sollte. Vielmehr ist es folgende Sequenz, die einen Lachanfall provoziert: Wieder in der Ebene und bekleidet, räsoniert der Protagonist, dass es schön sei, Geistesmensch zu sein. „Da konnte man dem Po, in den man eine halbe Stunde zuvor noch seine Nase versenken wollte, bei Tisch zivilisiert und nüchtern das Wort Sexualität an den Kopf knallen und so tun, als ob einen das nichts anginge.“

Auch wenn der Agentengeschichte zu viel Raum gegeben wird: Den Roman kann man empfehlen. Weil er leicht ist wie ein Sommertag, aber nicht nach sandiger Sonnencreme schmeckt.