Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 26.06.2018


Literatur

Der Chronist einer Welt im Wandel

Streitbarer Sozialkritiker: Peter Rosegger war ein Dichter der Widersprüche. Sein Todestag jährt sich heute zum 100. Mal.

© Der steirische Schriftsteller Peter Rosegger galt 1913 als aussichtsreicher Kandidat für den Literaturnobelpreis. Foto: Steirisches Landesmuseum/Johanneum



Innsbruck, Graz – Geht man dieser Tage durch Graz, ist er beinahe allgegenwärtig, der große steirische Schriftsteller Peter Rosegger. Ausstellungen, Lesungen und Symposien: Mehr als 60 Veranstaltungen beschäftigen sich dort mit Rosegger, der vor 175 Jahren geboren wurde – und heute vor 100 Jahren starb. Und in Krieglach, Roseggers berühmt gewordener „Waldheimat“, zeigt sich ein ähnliches Bild. Am 7. Juli starten dort die diesjährigen Roseggerfestspiele. Eröffnet werden sie mit Felix Mitterers Bühnenfassung von „Jakob, der Letzte“. Nach seiner Uraufführung 2013 wird das Stück heuer von Georg Schütky neu inszeniert. Der will den Stoff „etwas abstrahieren“, von seiner ganz konkreten Verortung – es spielt in einem Bauerndorf zur Zeit der Industrialisierung – lösen und das zeitlos Parabelhafte herausarbeiten.

Rosegger war Heimatdichter – und er erschrieb sich Weltruhm. 1913 galt er als aussichtsreichster Kandidat für den Literaturnobelpreis. Doch völkische Einlassungen machten ihn letztlich unwählbar. Die slowenische Schulpolitik in der Untersteiermark etwa lehnte er vehement und wortgewaltig ab.

Überhaupt: Rosegger war eine widersprüchliche Figur. Der Sohn einer mittellosen Bauernfamilie, der sich seine Ausbildung an der Handelsakademie im wörtlichen Sinne erbettelte, blieb seinem Herkunftsmilieu verbunden. Als Herausgeber der Zeitschrift Der Heimgarten übte er scharfe Kritik an den Mächtigen, prangerte das Elend der Fortschrittsverlierer, das Leid der Bauern und Arbeiter an. Er wetterte gegen den Judenhass – und nannte sich selbst einen „Antisemit, der zwar den Menschen schont, aber seine Laster verfolgt“.

Auch den Großen Krieg von 1914 begrüßte er. Aus Bertha von Suttners Friedensgesellschaft war er bereits 1895 ausgetreten. Den Nationalismus allerdings, der den Weltenbrand entfesselte, verurteilte er. Vor allem in seinen letzten Jahren verlegte sich Rosegger vornehmlich aufs Lavieren, sprach sich für und gegen alles und nichts aus. Dass sich nach seinem Tod mit seinem Sohn Hans Ludwig, ein Deutschnationaler erster Güte, um Roseggers Werke kümmerte, prägte die Rezeptionsgeschichte des Schriftstellers nach 1945. Lange galt Peter Rosegger als deutschtümelnder Kitschautor. Der zornige Sozialkritiker und ungerührte Chronist jener Dinge, die dem Wandel der Welt zum Opfer fallen, und der große Menschenfreund wurde erst spät wiederentdeckt. Eine von Daniela Strigl und Karl Wagner verantwortete historisch-kritische Neuausgabe ausgewählter Rosegger-Texte wird gerade erarbeitet. Die Bände 1 („Waldheimat“) und 2 („Jakob, der Letzte“) liegen bereits vor. (jole)

Ausgewählte Werke 1 Peter Rosegger: Waldheimat. Hg. v. D. Strigl u. K. Wagner. Styria, 480 Seiten, 25 Euro. Ausgewählte Werke 2 Peter Rosegger: Jakob, der Letzte. Hg. v. D. Strigl u. K. Wagner. Styria, 384 Seiten, 25 Euro.