Letztes Update am Do, 11.10.2018 10:23

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


70. Frankfurter Buchmesse

Neurechte Verlage im Abseits auf der Frankfurter Buchmesse

Nach dem Eklat im vergangenen Jahr hat sich die Messe eine neue Strategie für den Umgang mit Verlagen aus dem rechten Spektrum überlegt. Diese fühlen sich nun als Opfer.

© imago stock&peopleDer deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mahnte dazu, beim Umgang mit den Populisten die allgegenwärtige Erregungsspirale herunterzufahren.



Frankfurt am Main – Die Halle 4.1 auf dem Gelände der Frankfurter Buchmesse mündet in eine Sackgasse, an deren Ende der Stand der „Jungen Freiheit“ postiert ist. Dahinter kommt nur noch die Wand. „Wir fühlen uns geächtet“, empört sich Dieter Stein, Chefredakteur der Wochenzeitung, die als Sprachrohr des rechten Spektrums gilt. So eine Ausgrenzung habe er seit dem ersten Auftritt seines Verlags 1991 noch nie erlebt.

„Junge Freiheit“ und „Manuscriptum“ fühlen sich als Opfer

Die Buchmesse hat sich nach dem letztjährigen Debakel, als die Organisatoren bei einem Auftritt von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke hilflos den handgreiflichen Tumulten zusahen, etwas Neues einfallen lassen. Die beiden Verlage „Junge Freiheit“ und „Manuscriptum“ wurden – ähnlich wie bereits auf der Leipziger Buchmesse – ins Abseits verbannt. Das mache bei Sicherheitsproblemen eine bessere Kontrolle möglich, sagt dazu die Buchmesse, eine Tochter des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Dies wiederum bestärkt die Verlage, die bisher in Frankfurt mit ihren Ständen weit besser platziert waren, in ihrer Opferhaltung. Der AfD-Bundesvorstand sekundiert am Mittwoch und spricht in Berlin von einem „Akt der Zensur“, wenn man unbequeme Verlage einfach wegsperre.

Der Umgang mit der neuen Rechten auf der Messe bleibt also schwierig. Lobende Worte für die räumliche Abgrenzung kommen von der Amadeu Antonio Stiftung, die sich auf der weltgrößten Bücherschau mit einem Stand gegen den Rechtsextremismus engagiert. „Das macht die Messe sicherer“, lobt Stefan Lauer von der Stiftung, die einen Dialog mit den Neurechten „auf Augenhöhe“ ohnehin für nicht machbar hält.

Thilo-Sarrazin-Auftritt verlief ohne Vorfälle

Im vergangenen Jahr war es am Stand der „Jungen Freiheit“ bei einer Diskussion zu einem tätlichen Zwischenfall gekommen. Daran war allerdings kein Verlagsmitarbeiter beteiligt. Ohne Vorfälle verläuft am Mittwoch der Auftritt von Thilo Sarrazin, der sich auf der Messe auch prominent platziert findet. Er darf die Islam-Thesen seines umstrittenen Bestsellers („Feindliche Übernahme“) im großen Lesezelt vorstellen.

Unweit davon entfernt hat am Vormittag Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im neuen „Frankfurt Pavillon“ dazu gemahnt, beim Umgang mit den Populisten die allgegenwärtige Erregungsspirale herunterzufahren. Die Darstellung in den Medien erwecke derzeit den Eindruck, als sei Deutschland schon nahezu von denen beherrscht, die die Demokratie zu Fall bringen wollten, kritisiert er bei seinem Messebesuch.

Aus Sicht Steinmeiers erhält der Populismus zu viel Platz in den Medien. Es gebe „eine Normalität, über die wir eigentlich miteinander gar nicht reden“. Steinmeier forderte mehr Dialog in der Gesellschaft und den Mut zur „politischen Kontroverse“.

Sehr kontrovers könnte es werden, wenn Höcke am kommenden Freitag wieder auf die Messe kommt. Er will bei „Manuscriptum“ ein neues Gesprächs-Buch vorstellen. Der neurechte Antaios Verlag, der im vergangenen Jahr mit dem Höcke-Auftritt für den Eklat sorgte, ist der Messe ganz ferngeblieben. Dessen Verleger Götz Kubitschek kündigt am Mittwoch in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ den Verkauf seines Verlags an; er will als politischer Berater arbeiten. (APA/dpa)