Letztes Update am So, 04.11.2018 20:25

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Literatur

Österreichischer Buchpreis: Vielfalt trotz „Favoritensterben“

Heute Abend wird in Wien der 3. Österreichische Buchpreis vergeben. Fünf ganz unterschiedliche Romane konkurrieren um die mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung. Gemein ist ihnen aber der Mut, große Themen zu verhandeln: Es geht um die Gegenwärtigkeit der österreichischen NS-Vergangenheit, Familie, Flucht und Freitod.

© iStockphotoSymbolbild.



Von Joachim Leitner

Wien – Im Vorfeld von Buchpreis-Verleihungen, jener des Deutschen genauso wie vor der des Österreichischen heute Abend, versuchen sich Literaturkritiker bisweilen als Sportreporter: Robert Seethaler und sein Roman „Das Feld“ sind noch vor dem Finale ausgeschieden, liest man. Auch „Unter der Drachenwand“, der jüngste Bucherfolg von Arno Geiger, scheiterte vor der Endrunde, und Michael Köhl­meier hat sich mit „Bruder und Schwester Lenobel“ nicht einmal für die Vorrunde qualifiziert. Das mit mehr oder weniger Rufezeichen versehene mediale Entsetzen über „Favoritensterben“ und „Fehlentscheidungen“ gehört zum Buchpreis-Ritual. Und zeitigt auch positive Folgen: Bücher, auch mancher bis dahin gut gehütete Geheimtipp, werden diskutiert, gekauft, vielleicht sogar gelesen. Andererseits: Nur Texte, die es auf die Long- und Shortlists schaffen, kommen in den Genuss breiter medialer Wahrnehmung. Entdeckungen abseits davon sind das Verdienst belesener Buchhändler und Bibliothekare – oder irgendwelcher Online-Algorhythmen.

Österreichs Buchpreis, der „Qualität und Eigenständigkeit“ der heimischen Literatur mit 20.000 Euro für den Sieger und 2500 Euro für die Finalisten würdigt, ist im Vergleich zu ähnlichen Auszeichnungen jung. Der britische Booker Prize etwa wurde heuer 50 Jahre alt. Bislang wurden Friederike Mayröcker und Eva Menasse ausgezeichnet. Verdiente Preisträgerinnen, von denen auch das Renommee des Preises profitierte. Mit Josef Winkler gibt es auch heuer einen verdienten Finalisten, der im Falle einer Auszeichnung mit einer gesalzenen Dankesrede aufwarten könnte. Doch selbst wenn mit Winkler ein weiterer „Favorit“ fällt, darf davon ausgegangen werden, dass nach der Preisverleihung für viel Gesprächsstoff gesorgt ist.

Milena Michiko Flašar: Eine Geschäftsidee vom Friedhof

Wenn die Arbeit jahrzehntelang den Alltag taktete – und wohl auch Sinn stiftete –, dann kann der Pensionsantritt der erste Schritt zur Katastrophe werden. Das weiß Herr Kat¯o, der Protagonist von Milena Michiko Flašars Roman „Herr Kat¯o spielt Familie“, aus eigener Erfahrung. Ein Ausweg aus dem Dilemma öffnet sich ausgerechnet auf dem Friedhof, wo Kat¯o sich für eine recht eigentümliche Geschäftsidee erwärmt: Die Firma „Happy Family“ bietet Alternativen zum disfunktionalen Miteinander an: Realitätskosmetik. Kat¯o spielt liebevolle Großväter für verstoßene Enkel, große Schweiger für beredte Witwen – und lernt dabei, mit dem ganzen Körper zu lächeln. Ob der vielen gespielten Leben, droht er allerdings sein eigenes zu verlieren. Trotzdem steuert Flašars fein gearbeiteter Roman auf ein etwas bemühtes Happy End zu. Davor allerdings beweist sich die 37-Jährige als große Meisterin tragikomischer Miniaturen.

Roman Milena Michiko Flašar: Herr Kat¯o spielt Familie. Wagenbach, 167 Seiten, 20,60 Euro.

Josef Winkler: Die Leiche im Feld und die im Keller

Odilo Globocnik war ein Massenmörder – und stolz darauf. „Zwei Millionen ham’ma erledigt.“ So rühmte sich der Leiter der SS-Aktion Reinhard seiner Taten. Dem Zugriff der Justiz entzog er sich nach Kriegsende durch Zyankali. Globocniks Leiche wurde auf der „Sautrattn“, einem Gemeinschaftsacker nahe Kamering, verscharrt.

Der Kärntner Josef Winkler, vielfach ausgezeichneter Bearbeiter österreichischer Abgründe, wuchs in Kamering auf: Das „täglich’ Brot“ seiner frühen Jahre stammte von der „Sautrattn“. Ein Umstand, der ihm nun eine weitere Schneise zu seinem Lebensthema öffnet: die Auseinandersetzung mit Mittäterschaft und das frömmelnde Schweigen darüber. „Laß dich heimgeigen“, Winklers jüngstes Buch, ist die wortgewaltige Exhumierung eines Schergen-Skeletts, das zum Dünger der Nachkriegsgesellschaft wurde: schmerzhafte aber unverzichtbare Erinnerungsarbeit.

Roman Josef Winkler: Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe. Suhrkamp, 197 Seiten, 22,70 Euro.

Daniel Wisser: Der wunderbare Witz des Ernstes

Sterbehilfe oder Freitodbegleitung ist nach wie vor ein heißes Eisen. Und die Frage, ob es sich als Thema für einen durchaus umfangreichen Roman anbietet, möchte man instinktiv verneinen. Dann allerdings liest man sich in Daniel Wissers wunderbarem und wunderbar witzigen (aber nie verwitzeleten) Roman „Königin der Berge“ fest – und ist begeistert. Wisser, daran besteht kein Zweifel, nimmt sein Thema ernst, beschönigt nichts. Mehr noch: Sein Protagonist Robin Turin ist nebst seinem unheilbaren Leiden auch noch ein ziemlicher Unsympath. Trotzdem – oder vielleicht deswegen – wächst er einem schnell ans Herz. Formal ist „Königin der Berge“ verspielt – und sprachlich um keinen Wortwitz verlegen: Selbst ein eingebildeter Kater begleitet den grantelnden Herrn Turin auf seinem letzten Weg. Und der wird am Ende – obwohl das Ende von Anfang an unausweichlich ist – richtig spannend.

Roman Daniel Wisser: Königin der Berge. Jung und Jung, 392 Seiten, 24 Euro.

Gerhard Jäger: Schwarze Stunden an der Grenze

Ein Soldat schiebt Nachtschicht an der Grenze. Auf dem Wachturm gilt es, wach zu bleiben. Doch die Einsamkeit ist auch eine Einladung, die Gedanken fliegen zu lassen. Der namenlose Grenzschützer denkt also nach: Über seinen Befehl, die Aufgabe, der er pflichtbewusst nachkommen will. Und über die, vor denen er die Grenze schützen soll. In Gerhard Jägers „All die Nacht über uns“ geht es also auch um Flucht. Und um das, was man als Flüchtender zurücklässt. Um Heimaten also. Heimaten, die man aufgeben muss und solche, die geschützt werden wollen. Dafür hat Jäger beglaubigte Fluchtgeschichten in seinen Roman eingearbeitet. Sie erden den Roman, verhindern, dass „All die Nacht über uns“ zum allzu abstrakten Nachtstück wird. Trotzdem läuft Jäger bisweilen Gefahr, zu viel in seinen Text zu packen. Doch auch das mag Methode haben: In pechschwarzen Stunden lassen sich die Gedanken nicht kontrollieren.

Roman Gerhard Jäger: All die Nacht über uns. Picus, 240 Seiten, 22,70 Euro.

Heinrich Steinfest: Vom Bügeln als Buße

Um seine Einfälle muss man Heinrich Steinfest beneiden: Explodierende Wale auf offener Straße, Rollos, hinter denen die Ewigkeit lauert – und jetzt: Bügeln als primäre Romanhandlung. Steinfests neues Buch erzählt von Tonia. Sie ist die titelgebende „Büglerin“. Früher war sie Meeresbiologin. Und äußerst gut betucht. Inzwischen bügelt sie. Weil ein Kinobesuch alles verändert hat: Nicht auf der Leinwand wurde geschossen, sondern im Saal. Tonia hat schnell reagiert – und Schlimmeres verhindert. Das für sie Schlimmste aber konnte sie nicht abwenden: Ihre Nichte ist tot. Seither büßt sie bügelnd. Bis sich – nach und nach – abzeichnet, dass alles auch ganz anders gewesen sein könnte. „Die Büglerin“ ist irgendwie ein Krimi. Allerdings kein wirklich stringenter. Immer wieder schweift Steinfest ab, schwingt sich vom Hundertsten zum Tausendsten. Es verdichtet sich der Verdacht, dass ein brillanter Einfall dieses Mal einfach zu wenig war.

Roman Heinrich Steinfest: Die Büglerin. Piper, 286 Seiten, 20,60 Euro.




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