Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 19.11.2018


Literatur

„Die Katze und der General“: Gewalt mit Geschichte

„Die Katze und der General“: Mit Thriller-Elementen schmückt Nino Haratischwili ihren neuen Roman über ein Kriegsverbrechen und dessen Kinder.

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© Arne Dedert / dpa / picturedesk.



Von Bernadette Lietzow

Innsbruck – Einen packenden Pageturner hält man mit dem neuen Roman der deutsch-georgischen Schriftstellerin Nino Haratischwili in Händen. „Die Katze und der General“, erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt, erinnert im dramatischen Erzählduktus, in der Schilderung finsterer Machenschaften, hemmungsloser Gewalt und korrupter Verstrickungen an die Großmeisterinnen der russischen Kriminalliteratur Polina Daschkowa oder Alexandra Marinina.

Der Vergleich macht dennoch unsicher, hat man es doch bei Haratischwili mit einer expliziten Literatin zu tun, die Kritik wie Leserschaft mit ihren – übrigens nach wie vor unbedingt empfehlenswerten – Erstlingen „Juja“ und „Mein sanfter Zwilling“ auf sich aufmerksam machte. Endgültig überzeugen konnte die 1983 in Tbilissi geborene Autorin, Theaterregisseurin und Dramaturgin mit ihrem beeindruckend stimmigen, 2014 veröffentlichten Familienepos „Das achte Leben (Für Brilka)“. Insofern schluckt man etwas beim nun vorliegenden Buch, das sich unbestritten gut liest, sich zugleich aber rechtschaffen unbesorgt und streckenweise holprig als Thriller verkleidet, so als sollten mit derartigen Spannungselementen inhaltliche Schwachstellen übertüncht werden.

Der Roman, der in das verwunschene Tal des Argun-Flusses in Tschetschenien, nach Georgien, nach Moskau, Berlin, Venedig und Marrakesch entführt, basiert auf einem realen Kriegsverbrechen: Im Jahr 2000, während der zweite Tschetschenienkrieg tobt, terrorisiert eine „kampfmüde“, im abgelegenen Bergtal auf Erholung befindliche Gruppe russischer Militärangehöriger die Bevölkerung, gipfelnd in der Misshandlung, Vergewaltigung und grausigen Ermordung einer jungen Tschetschenin.

Das Opfer ist das Vorbild für Haratischwilis Romanfigur Nura, die inspiriert durch eine russische Intellektuelle, die es in ihr Dorf verschlagen hat, davon träumt, der engen Welt den Rücken zu kehren. Sie findet den Tod, bevor das neue Leben Wirklichkeit werden kann. Mitschuld am Mord trägt der feingeistige Kriegshelden-Spross wider Willen Alexander Orlow, der nach der Katastrophe seinem alten Ich ein gleichsam stählernes Kettenhemd überstülpt – und ab nun „General“ genannt wird. Seine Selbstanzeige und der folgende Prozess geraten zur Farce und Orlow beschließt aus seltsam verkehrtem Überlebenswillen, die Goldgräberstimmung der Nach-Perestroika-Zeit eiskalt für sich zu nützen. Steinreich und todunglücklich – seine geliebte Tochter Ada begeht Selbstmord, als sie von der Tat des Vaters erfährt, und deren Mutter, Orlows große Liebe, verunfallt im Drogenrausch – stößt er in seiner neuen Heimat Berlin auf die aus Georgien stammende Schauspielerin Sesili, die sich „Katze“ nennt und eine verstörende Ähnlichkeit mit Nura aufweist. Mithilfe dieser Doppelgängerin und des ihm verpflichteten Journalisten Onno Bender, vieldeutig „Krähe“ getauft, begibt sich der „General“ auf einen Sühnefeldzug gegen seine ehemaligen Mittäter und letztendlich sogar gegen sich selbst.

Der filmreife Showdown im kaukasischen Luxus-Chalet, eisige Silvesternacht inbegriffen, ist erwartbar melodramatisch und verrät genau jene Qualitäten, die den Roman immer wieder zur lohnenden Lektüre machen: Fantastisch sind Nino Haratischwilis Längsschnitte, die Familiengeschichten der einzelnen Protagonisten, die berührend, komisch und klug über Vergangenheiten in Ost und West die Gegenwart bespiegeln.

Roman Nino Haratischwili: Die Katze und der General. Frankfurter Verlangsanstalt, 750 S.; 30,80 Euro Lesung. Am Montag, 26. November um 19 Uhr liest Nino Haratischwili im Literaturhaus am Inn aus ihrem aktuellen Roman.