Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 04.01.2019


Literatur

Episoden aus Transsilvanien

„Karpathia“: Der bemerkenswerte Roman des französischen Autors Mathias Menegoz entführt in ein rumänisches Gegen-Biedermeier.

Mathias Menegoz nähert sich in seinem gelungen Romandebüt dem Transilvanien der 1830er-Jahre.

© Bamberger/cosmosMathias Menegoz nähert sich in seinem gelungen Romandebüt dem Transilvanien der 1830er-Jahre.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Dieser Tage übernimmt das von zahlreichen Korruptionsskandalen gebeutelte Rumänien unter Ministerpräsidentin Viorica Dancila für sechs Monate den EU-Ratsvorsitz – eine Regierung, die der eigene Staatspräsident Klaus Johannis im November als „Unfall der Demokratie“ bezeichnet hat. Grund genug, eine literarische Reise anzutreten in die Vergangenheit eines „Landes am Rande von Europa“, oder besser des Landes, im dem der Donaustrom alle Erinnerungen aus den unzähligen Regionen seines langen Weges ins Schwarze Meer entlässt.

Donauabwärts, von der Haupt- und Residenzstadt Wien, dem funkelnden Zentrum des habsburgischen Kaiserreiches hinein in die finsteren Wälder am Rande Siebenbürgens entführt der junge Graf Alexander Korvanyi die eigenwillige Baronesse Cara von Amprecht, seine soeben angetraute Ehefrau. Die Folgen eines blutigen Duells beeinträchtigen ihn, der erfolgreich für die Ehre seiner Verlobten eingetreten ist. Dem Militär hat er, einer Bedingung Caras folgend, Adieu gesagt und nun winkt die Zukunft als Verwalter der eigenen Latifundien im ebenso unbekannten wie unheimlichen Osten.

Sämtliche Sorgen, dass sich dieses Roman-Arrangement als Seifenoper zwischen zwei Buchdeckeln entpuppt, können getrost über Bord geworfen werden. „Karpathia“, das vor mehr als vier Jahren in Frankreich erschienene und seit einiger Zeit auch auf Deutsch erhältliche Erstlingswerk des 1968 geborenen französischen Schriftstellers Mathias Menegoz, beeindruckt und fesselt in vielerlei Hinsicht. Die sichere Hand des Autors, der über den wissenschaftlichen Umweg des Neurobiochemikers zum literarischen Schreiben fand, geleitet die Leserschaft in die Epoche des Biedermeier.

Anfang der 1830er-Jahre fällt der Unterschied zwischen Hauptstadt und entrückter Provinz, zwischen besitzendem Adel und abhängigen Bauern riesengroß aus. So verwundert es nicht, dass die Ankunft in der fremden Heimat, der nach dem Grafengeschlecht benannten „Korvanyia“, für das junge Paar alles andere als einfach ist. Seit dem Aufstand der walachischen Leibeigenen, der 1784 einigen Familienmitgliedern den Tod brachte, lebten die Korvanyis im bequemeren Kern-Österreich und überließen ihren Besitz den gestrengen und zugleich auf den eigenen Vorteil bedachten Händen kleinadeliger Verwalter. Die Ambitionen des Grafen, nun selbst Hand anzulegen und seine Güter auf Vordermann zu bringen, zerreißen das ohnehin fragile Netz, in dem die gesellschaftlich wie hierarchisch festgezurrten Nationalitäten einander belauern: Walachen, Siebenbürger Sachsen, Szekler und ungarischer Adel bevölkern den Landstrich. Sonderbare Dinge geschehen, so verschwinden kleine Kinder aus einem der Dörfer, eine junge Frau wird vergewaltigt und immer wieder ist die Rede von gefährlichen Wölfen. Dem neuen Herrn über Burg, Land und Menschen fällt es zunehmend schwer, sich für diese, seine Weltgegend zu erwärmen. Er zieht sich in eine Art inneres Eishaus zurück – bis er bei den wunderaffinen wie abergläubischen Landsleuten in den Verdacht gerät, ein Vampir zu sein. Als der Graf unter dem Vorwand eines opulenten Jagdfestes mithilfe eingeladener Feudalherren und einer zur Grenzsicherung eingesetzten Truppe gegen Aufständische vorgehen will, kommt es zur blutigen Eskalation.

Mathias Menegoz „Karpathia“ ist ein Abenteuerroman im besten Sinn, im Aufbau von Spannung, im Verflechten der einzelnen Erzählstränge und in der Gestaltung ungewöhnlich lebendiger Charaktere. Meisterhaft gelingen die von Sina de Malafosse gewandt ins Deutsche übertragenen Sprach-Bilder, kraftvolle Anti-Idyllen zwischen Schmugglerbergen, Dorfbeklemmung und den Innenwelten der Protagonisten. Dass der Roman dabei nicht rückwärtsgewandt ist, sondern Mathias Menegoz das große, komplizierte Europa von heute erkennbar im Hinterkopf hat, ist nur ein weiterer Vorzug dieses unbedingt empfehlenswerten Buches.

Roman Mathias Menegoz. Karpathia Frankfurter Verlagsanstalt, 680 Seiten, 20,80 Euro.


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Peter Handke hielt am Sonntagabend seine Nobelpreis-Vorlesung.Nobelpreis 2019
Nobelpreis 2019

„Spiele das Spiel. Sei nicht die Hauptperson“: Handke hält Nobelpreis-Vorlesung

In seiner Nobelpreis-Vorlesung beschwor Peter Handke das eigene Werden. Die Kontroverse um seine Auszeichnung erwähnte er nicht.

Bestsellerautorin Charlotte Link.Exklusiv
Exklusiv

Charlotte Link im TT-Interview: „Meine Recherche-Reisen machen mir großen Spaß“

Wenn Charlotte Link ein Buch schreibt, dann wird es ein Bestseller. Ein Gespräch über ihre Liebe zu England, ihre Ängste als Mutter und ihr Leben als Schrift ...

Peter Handke bei der Pressekonferenz.Literatur
Literatur

Handke-Nobelpreis: Geburtstag gefeiert, Versöhnung gescheitert

Mit einem von Journalisten angestimmten Ständchen zu seinem 77. Geburtstag hat am Freitag die Pressekonferenz mit dem österreichischen Literaturnobelpreisträ ...

Kettly Mars zählt zu den wichtigsten Autorinnen Haitis. <span class="TT11_Fotohinweis">Foto: imago</span>Literatur
Literatur

Wunden, die nicht heilen

Horror aus Haiti: Kettly Mars’ Roman „Der Engel des Patriarchen“.

Denis Scheck (Jg. 1964) ist ein deutscher Literaturkritiker, Übersetzer und Journalist in Hörfunk und Fernsehen.Literatur
Literatur

Denis Scheck im TT-Interview: „In der Literatur kann man Trost finden“

Denis Scheck moderiert TV-Literatursendungen. Ein Gespräch über die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur und radikale Ideen, wie man Menschen zum Lesen br ...

Weitere Artikel aus der Kategorie »