Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 03.02.2019


Literatur

Kulturgeograph Werner Bätzing: “Tirol kann Trendsetter sein“

Die Diskussion um den Tourismus hat sich in den vergangenen Monaten zugespitzt, sagt der Kulturgeograph Werner Bätzing. Sein aktueller Band „Die Alpen“ bietet Hintergrundwissen.

Naturlandschaft mit geschlossenen Wäldern in den Cottischen Alpen.

© BätzingNaturlandschaft mit geschlossenen Wäldern in den Cottischen Alpen.



Von Sabine Strobl

Innsbruck — Finstere Wälder in entsiedelten Alpengegenden und internationales Stadtleben in den großen Alpentälern, von denen aus pulsierende Skizentren leicht erreichbar sind: So in etwa könnt­e die Zukunft des 1200 Kilometer langen und bis zu 250 Kilometer breiten Alpenbogens aussehen, in dem heute 15 Millionen Menschen leben. Die jahrhundertelang gewachsene Kulturlandschaft geht dabei verloren, warnt der Kulturgeograf Werner Bätzing in seinem rundum aktualisierten Bildband „Die Alpen".

Werner Bätzing war Kulturgeograph an der Uni Erlangen-Nürnberg. Aktueller Bildband „Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft“.
Werner Bätzing war Kulturgeograph an der Uni Erlangen-Nürnberg. Aktueller Bildband „Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft“.
- U. Ertle
Erlebniswelt am Stubnerkogel.
Erlebniswelt am Stubnerkogel.
- Bätzing

Seit 40 Jahren beschäftigt sich Bätzing mit den Alpen. Lange sei die Auseinandersetzung mit der Zukunft der Alpen und des Tourismus dahingedümpelt. „2015 ist das Interesse in der Bevölkerung sprunghaft angestiegen. Seit Ende 2018 hat sich die Diskussion mit der Ablehnun­g von Projekten im Pitztal und dann in Kappl zugespitzt. Die heftigste Diskussion findet derzeit wohl in Tirol statt", meint Bätzing gegenüber der TT.

Dabei rumort es vielerorts. In der Rigi etwa, einem Bergmassiv in der Zentralschweiz, wird ein groß angelegter Ausbau des alpinen Freizeitangebots von der Bevölkerung bekämpft. Wie Bätzing feststellt, spielen sich Debatten über Investitionen noch regional ab. Seine Hoffnung liegt in einer gemeinsamen Diskussion des gesamten Alpenraums, was in der Alpenkonvention ja auch vorgesehen ist. Jedenfalls sei man in Tirol an einem Wendepunkt angelangt.

„Tirol kann hier ein Trendsetter sein, wobei die Richtung klar ist. Der Massentourismus stößt an Grenzen. Die großen Skigebiete dürfen nicht mehr vergrößert werden." Es ist also höchste Zeit, sich auf die regionalen Besonderheiten zu konzentrieren. Und da schadet etwas Abstand zu den europäischen Metropolen nicht.

So manche Initiativen kommen dem schon nach. Neue Weitwanderwege oder die „Bergsteigerdörfer", in deren Verbund heuer das Gschnitztal aufgenommen wurde, finden zum Beispiel reges Interesse. „Tourismus im Kleinen ist umweltschonend und sozial verträglich, zudem kommt der Profit eher den ansässigen Menschen zu Gute", so Bätzing.

Doch zurück zur einzigartigen Kulturlandschaft der Alpen. Hier lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Um 1870 lebten etwa sieben Millionen Menschen in den Alpenregionen, zwei Millionen in städtischen, fünf Millionen in dezentralen Strukturen. In diese Zeit fällt auch der Höhepunkt der agrarischen Nutzung, deren landschaflicher Umbau heute als schön empfunden und im Tourismus vermarktet wird. Sprichwörtlich jeder Fleck bis zum Wiesenband unter den Felsen wurde in Anspruch genommen.

Siedlungen abseits von Gefahrenzonen, Erhalt der Schutzwälder und Rodung nur von geeigneten Flächen sowie ein großer Respekt vor der Natur trugen dazu bei, trotz Lawinen oder Muren halbwegs sicher im Gebirge leben zu können. Wie Bätzing in seinem Bildband beschreibt, wurden die Vegetationszeiten meisterlich genutzt. Im Val d'Anniviers (französischsprachiges Wallis) gab es bis zu 20 Nutzungsstufen, im Tal auf 500 Metern Höh­e wurde Wein angebaut, auf 2800 Metern Höhe lagen die letzten Almweiden. Eine einzelne Familie verwaltete zig Wohn- und Wirtschaftsgebäude.

Natürlich können die Kulturlandschaften nicht auf museale Weise bewahrt werden, das wäre heute zu arbeits- und pflege­intensiv. Neue kleinräumige Kulturlandschaften werden anders aussehen. „Tirol-City" hält Bätzing jedenfalls für „keine sinnvolle Idee".

Nachdenken über Kulturlandschaften.
Nachdenken über Kulturlandschaften.
- Bätzing