Letztes Update am Mo, 04.02.2019 06:40

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Romandebüt

„Bevor wir verschwinden“: Wenn das Herz flimmert

David Fuchs’ erster Roman „Bevor wir verschwinden“ liefert groteske Einblicke in den Krankenhausalltag und schildert die berührende Begegnung eines angehenden Arztes mit seiner Jugendliebe.

Der 1981 in Linz geborene David Fuchs legt zwischendurch den Arztmantel ab, um sich seiner schriftstellerischen Arbeit zu widmen.

© Bernhard AichnerDer 1981 in Linz geborene David Fuchs legt zwischendurch den Arztmantel ab, um sich seiner schriftstellerischen Arbeit zu widmen.



Innsbruck – Der Roman von David Fuchs „Bevor wir verschwinden“ (Haymon) erzählt von dem Medizinstudenten Benjamin, der auf einer Krebsstation arbeitet. Wenn David Fuchs, der selbst Onkologe ist, vom Irrwitz des Krankenhausbetriebs schreibt, dann muss man wirklich schmunzeln. Gleichzeitig überrascht der Oberösterreicher seine Leser aber auch mit einer berührenden Liebesgeschichte. Die TT hat mit David Fuchs gesprochen.

Eigentlich arbeiten Sie hauptberuflich als Arzt, genauer gesagt als Onkologe. Was hat Sie dazu bewogen, einfach mal das Fach zu wechseln und sich schriftstellerisch zu betätigen?

David Fuchs: Ich schreibe schon sehr lange, seit mehr als 20 Jahren, und die Literatur ist in gewisser Weise ein Kontrastprogramm zu meinem Beruf, in dem ich sehr viel mit Menschen zu tun habe. So gesehen ist die Einsamkeit des Schreibens für mich ein Ausgleich.

Sie beschreiben den Alltag aus der Sicht des Medizinstudenten Benjamin, der ausgerechnet auf der Krebsstation ein Praktikum absolvieren muss. Nun sind Sie selbst Onkologe. Mussten Sie Ihren Plot überhaupt erfinden?

Fuchs: Tatsächlich ist es so, dass die Handlung und die Figuren frei erfunden sind. Die Krankheitsbilder sind jedoch realistisch, vor allem aber das Grundthema des Romans: Ein junger Arzt in Ausbildung begegnet auf einer Krebsstation seinem Ex-Freund Ambros Wegener, der mit Leber- und Lungenmetastasen eingeliefert wird. In einem großen Krankenhaus kann es tatsächlich relativ leicht passieren, dass es persönliche Verbindungen zwischen einem behandelnden Arzt und einem Patienten gibt. Dieses Dilemma hat mich besonders interessiert.

Es kommen aber auch skurrile Szenen vor, etwa jene, in der Medizinstudent Benjamin für Forschungszwecke ein Schwein namens Adelheid in einem Plantschbecken defibrilliert. Alles erfunden?

Fuchs: Tatsächlich gibt es Reanimationstierversuche, vor allem an Schweinen, weil ihr Herz dem menschlichen am ähnlichsten ist, doch in keinem Tierversuchslabor dieser Welt würde ein Medizinstudent nachts ganz allein vor sich hin werken und dabei auch noch Musik hören.

Sie geben auch einen ziemlich schonungslosen Einblick in den Klinikbetrieb, an einer Stelle heißt es etwa: „Im OP wird viel geschrien, aber auch nicht, weil dort so viele Notfälle wären.“ Könnte sich da jemand kritisiert fühlen?

Fuchs: Die einzige Gruppe von Ärzten, die ich in diesem Roman auf die Schaufel nehme, sind Oberärzte. Da ich auch einer bin, nehme ich mich selbst hier nicht aus. Dass in Operationssälen ein rauer Ton herrscht, ist ein offenes Geheimnis, weil es natürlich zu wirklich stressigen Situationen kommen kann.

Schon der Titel „Bevor wir verschwinden“ deutet an, dass Ihr Text auch vom Sterben handelt. Als Onkologe haben Sie viel mit dem Tod zu tun. Warum wollten Sie auch noch darüber schreiben?

Fuchs: Das Thema Sterben kommt in meinem Roman unweigerlich vor, aber es spielt nicht die Hauptrolle. Die Beziehung dieser beiden Männer hat mich beim Schreiben besonders interessiert, ihre gemeinsame Vergangenheit genauso wie der emotional aufreibende Wechsel zwischen medizinischer und persönlicher Ebene.

Warum haben Sie als Hauptfiguren zwei homosexuelle Männer gewählt?

Fuchs: Das war ursprünglich nicht so geplant. Es hat sich eher zufällig ergeben. Im Verlauf des Schreibens hat sich eine enge Körperlichkeit zwischen diesen beiden Männern abgezeichnet. Nachdem diese beiden Figuren sich in meinem Kopf schon so lebendig angefühlt haben, wollte ich nicht eine davon zu einer Frau machen.

Ihr Roman spielt in einem Umfeld, das Sie aus beruflichen Gründen sehr gut kennen. Worüber schreiben Sie als Nächstes?

Fuchs: Ich arbeite zwar an einem neuen Text, aber er ist noch sehr unfertig. Er handelt von einem Haus, in dem alte Menschen ein sehr fragiles Leben führen. Dass jemand krank wird, möchte ich nicht ausschließen (lacht), aber einen zweiten Krankenhaus-Roman wird es mit Gewissheit nicht mehr geben.

Das Interview führte Gerlinde Tamerl

Lesung

David Fuchs: Bevor wir verschwinden. Mittwoch, 6. Februar, 19 Uhr, Literaturhaus am Inn, Josef-Hirn-Straße 5, Innsbruck