Letztes Update am Do, 14.02.2019 06:50

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

T. C. Boyle in Innsbruck: „Machen wir das Beste daraus“

Am Dienstagabend präsentierte US-Autor T. C. Boyle seinen neuen Roman „Das Licht“ im ausverkauften Innsbrucker Treibhaus. Die TT traf den 70-Jährigen vor seinem langerwarteten Tirol-Debüt zum Gespräch.

Tom Coraghessan Boyle wurde Ende vergangenen Jahres 70 Jahre alt. Seit seinem Romandebüt „Wassermusik“ (1982) zählt er zu den erfolgreichsten US-Autoren der Gegenwart.

© Foto TT / Rudy De MoorTom Coraghessan Boyle wurde Ende vergangenen Jahres 70 Jahre alt. Seit seinem Romandebüt „Wassermusik“ (1982) zählt er zu den erfolgreichsten US-Autoren der Gegenwart.



Tirol wartet schon seit einer gefühlten Ewigkeit auf einen Auftritt von Ihnen.

T. C. Boyle: Ich weiß. Aber als Autor gehe ich dahin, wo mich mein Verlag haben will. Es gibt da eine Peitsche, die meine Reisebegleiterin immer dann schwingt, wenn ich irgendwo zu lange stehen bleibe (lacht).

Allzu oft dürfte die Peitsche nicht zum Einsatz kommen, man nennt Sie Tom „No Problem“ Boyle.

Boyle: Ich bin ein ziemlich perfekter Autor: Ich trinke nicht, ich tue brav, was man von mir verlangt, und ich schreibe jedes Jahr ein Buch.

Seine aktuelle „Das Licht“-Lesetour führte ihn am Dienstag erstmals nach Innsbruck.
Seine aktuelle „Das Licht“-Lesetour führte ihn am Dienstag erstmals nach Innsbruck.
- Foto TT / Rudy De Moor

Sie verkaufen auch beruhigend viele davon.

Boyle: Ich habe das Glück, Künstler sein zu dürfen. Ich habe nichts anderes gelernt – und kann doch davon leben. Das hat sich so entwickelt – und ich bin sehr dankbar dafür. Ich habe drei Kinder. Es ist gut, etwas Geld zu haben, wenn man drei Kinder hat.

Eine kürzlich ausgestrahlte TV-Doku porträtierte Sie als den „Rockstar der US-Literatur“. Würden Sie diese Einschätzung teilen?

Boyle: Medien brauchen etwas, an dem sie sich festhalten können. Vor vielen Jahren habe ich mich vielleicht kurz wie ein Rockstar gefühlt, da habe ich in einer Punk-R’n’B-Band gesungen. Aber ich bin der Ansicht, dass eine Autorenlesung eine Performance sein sollte, dass die Show unterhaltsam sein muss. Das ist unakademisch, ich weiß. Und ich bin selbst Akademiker. Ich weiß, dass Literatur ernstgenommen werden soll. Jeder, der sich mit meinen tiefsten Gedanken beschäftigen will, kann das Buch im Stillen auf dem eigenen Sessel lesen. Aber wenn er sich die Mühe macht, einen meiner Auftritte zu besuchen, will ich auch, dass er etwas geboten kriegt.

In den USA ist Ihr neuer Roman „Das Licht“ noch nicht erschienen. Im deutschen Sprachraum ist er bereits auf dem Weg zum Bestseller. Ein Zugeständnis an Ihre besonders treuen Leserinnen und Leser hierzulande?

Boyle: Dass mein Buch „Hart auf Hart“ 2015 zuerst auf Deutsch erschien, hatte mit meinem Verlagswechsel in den USA zu tun. Die Übersetzung war fertig, warum also warten? Diesmal aber war es Absicht. Gerade in Deutschland verkaufe ich auch viel­e Bücher auf Englisch. Das freut mich, aber der Verlag, der sich meine Lesereise einiges kosten lässt, hätte nichts davon. Deshalb wollte ich dem Hanser-Verlag, den ich sehr liebe ...

Trotz der Peitsche?

Boyle: Auch wegen der Peitsche. Ich wollte dem Verlag den Startvorteil schenken, den er sich verdient hat.

Der Verlag wird es Ihnen in Zeiten sinkender Verkaufszahlen und des so genannten Leserschwunds danken.

Boyle: Diese Krise ist eine globale. Manchmal beneide ich Autoren wie Charles Dickens, die zu ihrer Zeit alles waren: Internet, TV-Show und Kin­o in einem. Heute sind die Ablenkungsmöglichkeiten unfassbar – und dass die Aufmerksamkeitsfähigkeit der Menschen gelitten hat, steht außer Zweifel. Ich bin mir nicht sicher, ob ich, wenn es in meiner Jugend bereits Videospiele gegeben hätte, jemals ein Buch gelesen hätte. Geschrieben hätte ich jedenfalls keines. Ich weiß, dass jünger­e Autoren mich beneiden, weil ich die Zeit hatte, mir ein treues Publikum aufzubauen. Diese Zeit gibt es heute kaum – und auch das Publikum ist kleiner geworden.

In „Das Licht“ geht es um LSD und die Experimente, die Timothy Leary mit der Droge in den frühen 1960er-Jahren gemacht hat.

Boyle: Als ich ein Hippie war, war Leary ein komischer Kerl, der im Fernsehen verrückte Sachen sagte. Jetzt hat mich die Zeit davor interessiert. Leary war anerkannter Wissenschafter, LSD ein Medikament, auf das die Psychologie große Hoffnungen setzte. Inzwischen wird der Stoff wieder klinisch verwendet. Ich wollte wissen, was ist dieses LSD wirklich, das ich nahm, um high zu werden.

Sie beschreiben Leary als charismatischen Anführer, dem der eigentliche Protagonist Fitz verfällt.

Boyle: Die Figur erinnert mich an meine Studienzeit. Ich hatte Glück, meine Mentoren meinten es gut mit mir. Ich fand es reizvoll durchzudenken, welche Folgen es haben kann, wenn man einem falschen Heiligen zujubelt.

Ein Vergleich mit der aktuellen politischen Lage in vielen Ländern, nicht zuletzt in den Vereinigten Staaten, bietet sich an.

Boyle: Sie dürfen ihn gerne machen. Ich schreibe mein­e Bücher nicht, um jemanden von meiner Meinung zu überzeugen. Ich schreibe sie, weil ich Dinge verstehen will – und ich verstehe Dinge nur, wenn ich sie als Geschichten erzähle. Jedem Leser steht es frei, seine eigenen Interpretationen anzustellen.

Wollen wir über Donald Trump reden?

Boyle: Ich verachte ihn. Er ist ein Krimineller. Aber als Präsident wird er bald der Vergangenheit angehören.

Sind Sie sich da sicher?

Boyle: Natürlich nicht. Ich lag bislang immer falsch. Ich hab­e monatelang jedem, der es hören wollte, versichert, dass der Typ nicht gewinnt.

Sehen Sie Grund zur Hoffnung?

Boyle: Al Capone wurde wegen seiner Einkommenssteue­r geschnappt (lacht). Ich glaub­e, dass Trump vor Gericht kommen wird, irgendwann. Nach seiner Amtszeit. Die Geschichte, aber auch die Gegenwart, lehrt uns, dass es mit einer Demokratie schnell vorbei sein kann. Derzeit kann man überall auf der Welt sehen, wie Gangs die Macht übernehmen. Es ist ganz einfach: Man muss nur die Zweifler bekämpfen. Menschen haben Fragen und suchen Antworten. Wenn die Antworten einfach sind, ist das beruhigend. Aber einfache Antworten lenken davon ab, das manche Frage falsch war. Migration macht vielen Angst, aber diese Angst lenkt von den wahren Problemen ab. Wir zerstören die Umwelt, jeden Tag – und während wir über Trumps Mauer reden, verlieren wir diese Gefahr aus dem Auge. Es wäre idiotisch, sich da Illusionen zu machen. Also: Die Lage scheint hoffnungslos. Machen wir das Beste daraus.

Das Gespräch führte Joachim Leitner