Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 30.03.2019


Romandebüt

,,Jesolo“: Das Meer, das alle gleich macht

Die Südtirolerin Tanja Raich legt mit „Jesolo“ ihren Debütroman vor, mit dem das Prosafestival kommende Woche eröffnet wird.

Tanja Raich, geboren 1986 in Meran, hat mit „Jesolo“ ein überzeugendes Romandebüt vorgelegt.

© Kurt FleischTanja Raich, geboren 1986 in Meran, hat mit „Jesolo“ ein überzeugendes Romandebüt vorgelegt.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Gleichförmigkeit, Angepasstsein, Durchschnittlichkeit oder kurz Jesolo. Gleich zu Anfang des gleichnamigen Debütromans von Tanja Raich fühlt sich der Leser eigentlich am Ende. Zumindest am Ende der Beziehung der Haupt­figuren Andrea und Georg.

Denn die beiden weilen in den Ferien im bekannten Urlaubsort an der Adria. Schon wieder. Und gleichförmig, wie auch die Liegestühle am Strand einer nach dem anderen aufgereiht sind, verläuft auch die vermeintliche Erholungszeit: immer im gleichen Hotel, das gleiche Essen, die gleichen Gespräche. Gleichförmig ist auch die Beziehung geworden: Der Alltag hat sich breitgemacht. Die Liebe tröpfelt dahin.

Bis zum großen Wendepunkt. Zurück im (noch) getrennten Zuhause erhält Andrea die Nachricht „Wir sind schwanger“, ausgesprochen von ihrem Frauenarzt. Statt ernsthafte Entscheidungen zu treffen, flüchtet Andrea in die Resignation und lässt trotz innerer Zerrissenheit all das zu, was sie eigentlich nie wollte.

In zehn Kapiteln widmet sich „Jesolo“ den Monaten der Schwangerschaft. Im Mittelpunkt steht dabei weniger die körperliche als vielmehr die psychische Veränderung der Hauptfigur. Erzählt in einer klaren Sprache und in knappen Sätzen, die das Resignieren von Andrea in den letzten Kapiteln mit großer Dynamik besiegeln. Mit dem Motiv des Meeres, das alles verschlingt und in Ebbe und Flut ständig wiederkehrt, gelingt Raich eine inhaltlich wie formal schlüssig­e Klammer.

Tanja Raich hat mit „Jesolo“ auch einen feministischen Roman geschrieben: Es geht um eine gegenwärtige Gesellschaft, in der eine unabhängige Frau sich durch die Schwangerschaft in klassische Rollenbilder zurückdrängen lässt. Eine Anti-Befreiungsgeschichte als mutiges Debüt.

Roman Tanja Raich: Jesolo. Blessing Verlag, 221 Seiten, 20 Euro.

17. Prosafestival

Eröffnung: am 4. April in der Innsbrucker Stadtbibliothek. Es lesen: Jaroslav Rudis, Tanja Raich, Markus Ramseier und Markus Bundi. Beginn: 20 Uhr.

Tag 2: Judith Schalansky, Verena Roßbacher, Barbara Frischmuth und Martina Clavadetscher. Ab 20 Uhr in der Wagner'schen.

Tag 3: Rolf Hermann, Barbara Zemann, Martin Peichl und Anna Herzig. Ab 20 Uhr im Brux.

Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei. Details: prosafestival.wordpress.com.