Letztes Update am Fr, 03.05.2019 10:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Erika Pluhar: Schmerzvolle Erinnerung an das geliebte Kind

Erika Pluhar verarbeitet einen schweren Schicksalsschlag literarisch. Ein Gespräch über ihre Rolle als Mutter, gescheiterte Zweierbeziehungen und die aktuelle politische Lage im Land.

Erika Pluhar machte als Schauspielerin, Sängerin und Autorin Karriere. Wiederholten Verlockungen, Ministerin oder gar Bundespräsidentin zu werden, widerstand die heute 80-Jährige.

© Evelin FrerkErika Pluhar machte als Schauspielerin, Sängerin und Autorin Karriere. Wiederholten Verlockungen, Ministerin oder gar Bundespräsidentin zu werden, widerstand die heute 80-Jährige.



Die Lektüre Ihres neuen Buches „Anna“ macht traurig und nachdenklich. Es ist die Geschichte eines einsamen Kindes, das seine Eltern oft vermisst. Diese Eltern sind Sie, Frau Pluhar, und Ihr erster Mann, Udo Proksch.

Erika Pluhar: Das Buch trägt wehmütige Züge, ja. Es ist ein stark autobiografisch gefärbter Roman mit realen Personen. Es ist die Geschichte der Kindheit meiner Tochter Anna, jedoch aus ihrer Warte. Es war für mich eine innere Notwendigkeit zu erzählen, wie es dem Kind damals erging. Drei Jahre habe ich an dem Buch gearbeitet. Die Erinnerungen, die dabei aufkamen, waren sehr schmerzhaft. Ann­a ist vor 20 Jahren im Alter von 37 Jahren gestorben – an einem Asthmaanfall, der zu Herzversagen führte.

Sie wirken im Buch hin- und hergerissen zwischen Ihrer Karriere als Schauspielerin und der Mutterrolle. Ein Spagat, der sich nur selten ausgeht.

Pluhar: Im Buch haben alle ihre realen Namen, nur ich bin einfach nur „die Mutter“. Ich bin streng mit mir umgegangen, jedoch ohne große Schuldzuweisungen. Als Anna klein war, schaffte ich den Durchbruch als Schauspielerin. Ich war viel unterwegs, musste sie oft allein lassen. Anna war ein Kind berühmter Eltern, das war nicht einfach. Die Liebe aber war da.

Annas Vater Udo Proksch war ein Exzentriker, der kam und ging, wie es ihm beliebte. Ein halbwegs geregeltes Familienleben war mit ihm nicht möglich.

Pluhar: Ich habe an Udo nichts beschönigt. Ich habe bei ihm hautnah miterlebt, was die Alkoholsucht aus einem Menschen machen kann. Doch Udo war ein ganz besonderer Mensch, vor allem dann, wenn er nicht getrunken hatte. Und Anna hat ihren Vater geliebt.

Ihr zweiter Mann André Heller kommt nicht gut weg. Er betrügt Sie vor den Augen Ihrer Tochter mit einer anderen Frau.

Pluhar: Ich habe dem Franz­i (André Heller heißt mit erstem Namen Franz, Anm.) schon vor der Veröffentlichung Folgendes gesagt: „Franzi, du bist in diesem Buch keine sehr gute Erscheinung.“ Er meinte dazu nur: „Das war ja auch so.“ Die Beschreibung unserer kurzen Ehe und des Zusammenlebens mit mir und Anna hat er also verstanden. Er kommt nicht sehr glanzvoll herüber, aber er wurde ja später dann noch glanzvoll genug.

Schauspieler Peter Vogel, Ihr zeitweiliger Partner nach der Trennung von André Heller, scheint ein sympathischer, humorvoller Kerl gewesen zu sein. Auch Anna mochte ihn.

Pluhar: Für Anna fühlte es sich zusammen mit Peter wie Familienleben an. Doch auch er hatte ein massives Alkoholproblem. Ohne seine Suchtkrankheit wäre eine dauerhafte Beziehung eine Alternative gewesen. Aber leider war die gute Zeit sehr kurz.

Vogel spielte in den 70er-Jahren zwei Folgen lang den TV-Kommissar Major Adolf Kottan. Viele halten Vogel heute noch für den besten Kottan-Darsteller.

Pluhar: Peter hat mit großer Freude die Figur dieses grantelnden Ermittlers erschaffen. Ich sehe ihn heute noch vor mir in seinem Regenmantel und im Lumberjack. So lief er auch privat herum. Das war er durch und durch.

Haben Sie in späteren Jahren noch den Mann fürs Leben gefunden?

Pluhar: Das bleibt eine Privatsache. Denn das Getue um meine beiden Ex-Männer Udo Proksch und André Heller hat mir gereicht. Ich werde ja heute noch auf die beiden angesprochen. Das waren zwei spektakuläre Typen. Als ich sie kennen und lieben lernte, waren sie aber noch gar nicht spektakulär. Proksch war Brillendesigner und Heller ein Discjockey.

Immerhin ein Discjockey aus vermögendem Hause.

Pluhar: So vermögend war er gar nicht. Heller hat sein ganzes Erbe in das Filmprojekt „Moos auf den Steinen“ mit mir in der Hauptrolle gesteckt. Das Geld hat er verloren und dafür mich gewonnen.

Bei der Romy-Gala wurden Sie kürzlich für Ihr Lebenswerk geehrt. Sie haben dabei die türkis-blaue Bundesregierung heftig kritisiert. Diese würde in menschenverachtender Weise Angst schüren vor Migration und allem Fremden.

Pluhar: Ich finde es sehr betrüblich, wie bei uns Politik gemacht wird. Statt auf den Sozialstaat aufzupassen, wird er zerstört. Und die Wähler dieser Rechtsaußenpartie merken gar nicht, dass sich diese Politik eigentlich gegen sie richtet. Die Menschen nehmen die Leistungen des Sozialstaats, wie die Pension oder kostenlose Spitalsbehandlung, als viel zu selbstverständlich an, fürchten sich aber vor allem, was angeblich von außen auf sie zukommt.

Sie gelten als SPÖ-nahe. Gab es wirklich Versuche der Sozialdemokraten, Sie zur Kandidatur als Bundespräsidentin zu bewegen?

Pluhar: Ja, das hat es gegeben. Auch als Kulturministerin wollte man mich einmal haben. Doch ich ließ mich nie parteipolitisch binden. Da muss man ja eine bestimmte Linie mittragen. Ein politischer Mensch bin ich aber. Mir ist eine offene, freie Demokratie wichtig. Die Sozialdemokratie vereinigt beides am besten: sozialen Umgang in einer Demokratie.

Sie konnten sich neben der Schauspielerei und dem Gesang auch als Schriftstellerin etablieren.

Pluhar: Das ist für eine Schauspielerin mit hohem Bekanntheitsgrad gar nicht einfach. Mir ist es gelungen. Ich war immer ein schreibender Mensch, aus dem eine Schriftstellerin wurde. Ich habe ja auch junge Leser, denen es vollkommen egal ist, dass ich einmal Burgschauspielerin war. Meine Bücher verkaufen sich ordentlich, leben muss ich davon aber nicht, ich könnte es auch gar nicht. Da müsste ich schon eine Donna Leon sein oder dergleichen.

Im Rückblick auf 80 Lebensjahre: Bereuen Sie etwas, oder würden Sie manches heute anders machen?

Pluhar: Ich muss mich für keine berufliche Tat genieren. Ich sehe mich nicht in irgendeinem blöden Rosamunde-Pilcher-Film, ich spielte nie eine Kommissarin oder in einer Serie, ich habe auch nie Werbung gemacht.

Würden Sie auch als Mutter wieder gleich handeln?

Pluhar: Nein, als Mutter war ich viel zu wenig anwesend und viel zu wenig mütterlich, in dem Sinne, wie man es sich wünscht. Ich konnte auch nicht kochen. Meine Tochter hat sich ihren Grießkoch schon bald selbst zubereitet, weil bei mir immer Knödel drin waren. Das warme, kosende Muttersein habe ich zu wenig angeboten. Wohl auch, weil meine eigene Kindheit vom Krieg geprägt war. Sirenen jagen mir heute noch einen Schrecken ein. In meiner Kindheit gab es eben auch nicht viel Knuddeln und Kosen. Meine Mutter musste sich mit drei Töchtern durch die Bombenjahre in Wien durchschlagen. Dann sind wir aufs Land nach Oberösterreich geflüchtet, und sie musste bei Bauern um Essen betteln.

Wie erleben Sie das Älterwerden?

Pluhar: Ich fürchte weder das Fremde noch den Tod. Und das Altsein bereitet mir keine Angst. Anti-Aging ist doch der blödeste Begriff. Es gibt kein Rezept gegen das Alter. Man muss in Bewegung bleiben im Hirn und körperlich, einfach lebendig sein, solange es geht.

Das Gespräch führte Markus Schramek

Erika Pluhar: Biografisches & Terminliche

Erika Pluhar wurde Ende Februar 80 Jahre alt. Die Wienerin absolvierte das Reinhardt-Seminar und feierte Erfolge als Schauspielerin im Film und auf der Bühne – bis 1999 als Mitglied des Burgtheaters. Auch als Chanson-Sängerin und Autorin machte Pluhar von sich reden, ebenso durch schlagzeilenträchtige Ehen mit Udo Proksch und Künstler André Heller in den 60er- und 70er-Jahren. Proksch wurde später im Zuge des Falles „Lucona“ wegen sechsfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, in der er verstarb.

Im Buch „Anna – Eine Kindheit“ (erschienen im Residenz Verlag) widmet sich Pluhar ihrer Tochter Anna aus der Beziehung zu Udo Proksch. Pluhars einziges Kind starb 37-jährig an den Folgen eines Asthmaanfalls.

Tirol-Termine. Pluhar stellt „Anna“ bei folgenden Lesungen (begleitet von Gesang) vor: 8. Mai: St. Johann (Alte Gerberei). 9. Mai: Jenbach (Veranstaltungszentrum). 10. Mai: Reutte (Die Kellerei). 18. Mai: Innsbruck (Treibhaus).