Letztes Update am Do, 23.05.2019 10:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Reisereporter Andreas Altmann: „Wir fahren die Welt zuschanden“

„Wer nach ,Objektivität‘ ruft, dem ist nicht zu helfen“, sagt Reporter Andreas Altmann im TT-Interview. Bei den heute beginnenden Innsbrucker Wochenendgesprächen diskutiert er mit Kollegen über Reisen und Literatur.

Andreas Altmann, geboren 1949 in Altötting, machte sich seit Ende der 1980er-Jahre mit Reisereportagen einen Namen. Zuletzt veröffentlichte er das Buch „In Mexiko. Reise durch ein hitziges Land“ (Piper Verlag).

© imago stock&peopleAndreas Altmann, geboren 1949 in Altötting, machte sich seit Ende der 1980er-Jahre mit Reisereportagen einen Namen. Zuletzt veröffentlichte er das Buch „In Mexiko. Reise durch ein hitziges Land“ (Piper Verlag).



Herr Altmann, wo waren Sie zuletzt unterwegs?

Andreas Altmann: Vor ein paar Tagen kam ich aus Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, zurück. Ich war dort, um – vormittags – im Hotel an dem Buch zu schreiben, das im Oktober herauskommt, und – nachmittags – zu flanieren: andere anschauen und bestaunen. Das Leben Fremder: Es gibt wohl nichts, was neugieriger macht.

Wie viel Vorbereitung steckt in so einer Reise?

Altmann: Ach, jetzt müsste ich schwer ausholen, schwer angeben und verkünden, dass ich mich monatelang in Bibliotheken wälze und nachts durch den Cyberspace rausche, um jeden Zipfel Information über den Ort, das Land, das Ereignis zu finden, für die ich unterwegs sein werde. Mitnichten. Aus zwei Gründen: Ich habe keine Lust, über Zustände zu schreiben, die woanders bereits veröffentlicht wurden. Welchen Sinn ergäbe das? Und zweitens: Ich bin ja Reporter, soll heißen, ich interessiere mich jeden Tag für die Welt, höre und lese per Medien, was wo passiert. Schon klar: Wenn ich das Thema kenne und wenn der Vertrag unterschrieben ist, dann achte ich auf einschlägige Artikel und Berichte. Vielleicht reden sie von Leuten, die ich kontaktieren will. Vielleicht erfahre ich etwas, was mich dorthin führt, von dem ich bisher nichts wusste.

Die Welt, heißt es landläufig, ist kleiner geworden, weiße Flecken auf der Landkarte sind selten, (Billig-)Flieger bringen Touristen auch in abgelegenere Gegenden. Hat dieser Umstand Ihre Arbeit verändert?

Altmann: Natürlich. Die großen Entdeckungen, die sind vorbei. Würde ich auf der Venus landen, dann käme ich mit Sensationen zurück. Solange das nicht passiert, kommt von mir nichts Neues. Aber ich kann immerhin versuchen, einen originellen, einen provozierenden, einen verblüffenden Blick auf die Umstände zu werfen, die mir begegnen. Nehmen wir als Beispiel den Fotografen Henri Cartier-Bresson, den französischen Wunderknaben. Der Mann sollte „Wallstreet“ fotografieren. Und was bringt er in seiner Leica mit nach Hause? Einen Bettler, der am Eck des imposanten Gebäudes in New York sitzt. Bettelnd. Hinreißend. Ganz ohne Spezialeffekte, ganz ohne Gedöns, ganz ohne Superlativ, nur knallhart in Schwarz-Weiß. Und nichts ist neu: nicht der Bettler, nicht das Gebäude, nichts. Nur der Kontext ist vollkommen anders, der Zusammenhang: Der Betrachter erkennt, dass die glitzernde Gier des Raubtier-Kapitalismus Folgen hat. Wie Einsamkeit, wie Armut. Was sich nie verändert, verändern soll: dass der Schreiber den Lesern auch Freude mit seiner Sprache macht. Dass er den Inhalt sinnlich – die Sinne reizend – verpackt.

Ihr jüngstes Buch über Mexiko beginnen Sie mit der Feststellung, dass es kein weiteres Reisebuch sei. Hat sich Ihr Ansatz mit den Jahren verändert?

Altmann: Gewiss. Die Unschuld, wenn sie je da war, ist dahin. Ich bin ein gut gelaunter Pessimist, aber dass wir die Welt zuschanden fahren, daran herrscht kein Zweifel. Ich darf bei dem Thema ein bisschen mitreden, denn ich habe auf vier Kontinenten gelebt und in Echtzeit zuschauen dürfen, wie ein irdisches Paradies nach dem anderen plattgewalzt wurde. Wie sang es Joni Mitchell: „They paved paradise

Put up a parking lot …” Man wird als Schreiber wie der Herr Karl von Qualtinger immer grantiger, immer zipfiger, eingedenk dessen, dass wir die Erde in Stücke hauen. Die Berichte werden dunkler, verstörender. Noch verstörender, weil man selbst daran beteiligt ist. Reporter fliegen viel über den Wolken.

Wenn man sich die Teilnehmerliste der Wochenendgespräche anschaut, sind Reiseschriftsteller in der Überzahl. Ist Reiseliteratur vornehmlich Männersache?

Altmann: Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Ich glaube weder, dass Männer die besseren Reiseschriftsteller, noch dass Frauen die besseren Menschen sind. Ich mache mir die unsägliche Mühe, jeden Fall für sich zu checken. Es gab grandiose, waghalsige Damen, die sich in Gebiete trauten, in die neunzig Prozent aller Männer nie einen Fuß setzen würden, und wenn doch, dann mit vollen Hosen. Zudem, wir wissen es alle: Die eine Hälfte der Weltbevölkerung verfolgt ein Problem – was beim Reisen, fern der Heimat, noch verschärft wird –, von dem wir anderen 50 Prozent verschont bleiben.

Was würden Sie einem Anfänger raten, der Reporter, Reiseschriftsteller werden will?

Altmann: Ich mag diese Frage und die Antwort ist so simpel: Hat ein Traveller gelernt, sich auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren, ist er zudem fest entschlossen, den Schafsnasen auszuweichen, die vor jedem Ziel Tripadvisor oder einschlägige Blogs studieren, um dort zu landen, wo der große Haufen schon angekommen ist, hält er es außerdem aus, nicht jede halbe Stunde per WhatsApp Mutti und Papi und seinen daheim hockenden Friends eine Nachricht zu schicken, die sie unter anderem darüber aufklärt, dass er gerade eine Hühnersuppe löffelt, wenn dieser Mensch also – jetzt wird es anstrengend – mit Alleinsein, mit Zweifel und Ungewissheit umgehen kann, sprich, er uns verschont mit Phrasen wie „alle sind lieb und freundlich in fernen Ländern“ und wenn so ein Reisender – zum fulminanten Abschluss – über das unüberhörbare Talent verfügt, seine Erlebnisse in der Welt und seine Ansichten über die Welt in bewegende Sprache zu übersetzen, dann, ja dann ist vagabundieren und davon erzählen die rechte Beschäftigung für ihn. Dann, ja dann wollen wir uns hinsetzen und ihm oder ihr lauschen.

Was trieb Sie hinaus in die Welt?

Altmann: Die Antwort liegt mir sofort auf der Zunge: Ich kann nichts anderes, ich habe ja hartnäckig bewiesen, dass ich bei allen anderen Versuchen, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen, auf dem Bauch gelandet bin. Wobei mir bis heute keine Ausreden einfielen, um diese Abstürze zu rechtfertigen. Andere sind mit mehreren Talenten gesegnet, ich habe es – böse Menschen würden dem sicher widersprechen – immerhin zu einer Begabung gebracht.

Sie bereisen bisweilen – wie es in Ihrem Palästina-Buch heißt – „verdammte Länder“. Gibt es eine Weltgegend, die Sie besonders beeindruckt hat?

Altmann: Ganz undenkbar eine Antwort. Ich bin in allen vier Himmelsrichtungen Frauen und Männern und Landschaften begegnet, die mich im Innersten anrührten. Ich wüsste von keinem Ranking, keiner Hitparade. Ich umarme jede und jeden, der mir von seiner Welt erzählt. Ob mich das erheitert oder in eine mittelschwere Depression reißt, egal, hinterher bin ich reicher, geistreicher.

Entstehen Ihre Texte vor Ort oder werden die Eindrücke erst am Schreibtisch komponiert?

Altmann: Ich habe stets, wie wohl jeder in diesem Beruf, einen winzigen Notizblock dabei, in den ich diskret hineinkritzle. Abends wird alles als digitales Tagebuch in den Mac übertragen. Und „richtig“ geschrieben – alle Mühseligkeit inbegriffen – wird erst zu Hause. In Totenstille, im Halbdunklen. Aber ja, über manche „Sachen“ wird geschwiegen. Da zu komplex, da von der falschen Seite Applaus droht, da ich Leute in Gefahr bringen könnte. Wer nach „Objektivität“ ruft, dem ist nicht zu helfen.

Die Fragen stellte Joachim Leitner

42. Wochenendgespräche: Reden und Schreiben übers Reisen

Eröffnung. Am Donnerstag werden die Innsbrucker Wochenendgespräche mit Lesungen von Stefan Slupetzky, Thomas Stangl, Katharina Winkler, Sascha Reh und Stefan Moster im Studio 3 des ORF Tirol eröffnet. Beginn ist 20.15 Uhr.

Tag 1.

Am Freitagvormittag ab 10 Uhr diskutieren die Autoren Andreas Altmann, Martin Amanshauser und Tina Uebel im Ensembleproberaum des Tiroler Landestheaters (Eingang SoWi-Durchgang) über das Verhältnis von Reisen und

Schrei­ben.

Am Nachmittag ab 15 Uhr sitzen Manuela Di Franco, Tim Krohn und Stefan Moster am Podium.

Tag 2.

Am Samstagvormittag ab 10 Uhr diskutieren Sascha Reh, Thomas Stangl und Katharina Winkler. Ab 15 Uhr sitzen dann alle Wochenendgespräch-Gäste am Podium. Moderiert werden alle Gespräche von Stefan Slupetzky.

Abschluss.

Beschlossen werden die 42. Wochenendgespräche mit Lesungen von Andreas Altmann, Tina Uebel, Martin Amanshauser, Tim Krohn und Manuela Di Franco am Freitagabend im ORF-Studio 3.