Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 14.06.2019


Roman

„Maschinen wie ich“: Ménage-à-trois unter Strom

Ein künstlicher und ein echter Mann wetteifern um eine Frau. Im Roman „Maschinen wie ich“ nähert sich Ian McEwan gefinkelt, subtil und humorvoll dem Thema Technikhörigkeit.

Ein ganzes Regal füllt Ian McEwans Werk noch nicht. Doch der Brite ist seit Jahrzehnten Garant für anspruchsvolle, unterhaltsame Literatur.

© imago/ZUMA PressEin ganzes Regal füllt Ian McEwans Werk noch nicht. Doch der Brite ist seit Jahrzehnten Garant für anspruchsvolle, unterhaltsame Literatur.



Von Markus Schramek

Innsbruck – Seit mehr als 40 Jahren beglückt Ian McEwan die lesende Welt mit raffiniert gedrechselten Storys. Auch mit 70 zeigt der Schriftsteller keinerlei Anzeichen von Ermüdung. Seine Romane sind regelmäßig Bestseller. „Am Strand“ und „Kindeswohl“ dienten als Filmvorlagen.

Das Schelmische kommt erfreulicherweise nie zu kurz. Schließlich will man bei der Lektüre auch einmal herzhaft losprusten. Hinter McEwans eleganter, belesener Schreibe blitzt immer wieder ein Schalk hervor. Britischer Humor verpflichtet eben.

Zwischenmenschliches aus schräger Perspektive hat es McEwan angetan. In „Nussschale“ (2016) machte er ein ungeborenes Kind zum Ohrenzeugen von perfiden Vorgängen außerhalb des Mutterleibs. Im neuen Roman „Maschinen wie ich“ feiert eine Ménage-à-trois speziellen Zuschnitts fröhliche Urständ: Das Liebespaar Miranda und Charlie, sie 22 und Studentin, er zehn Jahre älter und ein mäßig erfolgreicher Börsenzocker, holt sich einen künstlichen Menschen ins Haus, den letzten Schrei am allerletzten Stand der Technik.

Adam heißt der Androide ganz biblisch. Ihn gibt es in limitierter Auflage von zwölf Stück, 13 Evas machen die erste Serie komplett. Adam ist gut gebaut, redegewandt und anatomisch mit allen männlichen Attributen ausgestattet. In ihm fließt halt Strom statt Blut. Blöderweise entwickelt das sündteure Werkl Gefühle für Miranda. Und das hat Folgen. „Ich war der Erste, der von einem Androiden gehörnt wurde“, muss sich Charlie eingestehen, nachdem Adam mit Miranda im Schlafzimmer zugange war.

Die Eifersucht wächst und somit der Wunsch, den treulosen Computer-Mann wieder loszuwerden oder wenigstens herunterzufahren. Doch Adam ist ein Superhirn, das um viele Ecken vorausdenkt – kein Wunder, bei so viel Mikro-Elektronik im Inneren.

Als Ort dieses prozessorengesteuerten Geschehens wählt McEwan London im Jahr 1982. Mit historisch verbrieften Fakten nimmt er es nicht so ernst. Er lässt Großbritannien den Falklandkrieg verlieren, Margaret Thatcher wird gestürzt, ihr Nachfolger als Regierungschef getötet. Positiv kann vermerkt werden, dass sich die Beatles wiedervereinigen. Sogar John Lennon ist auf dem neuen Album mit von der Partie, „von jenseits des Grabes“. Technisch ist McEwans Welt anno 1982 weit fortgeschritten: Smartphones und Internet sind Standard, private Autos kurven automatisiert durch verstopfte Straßen.

Mark, ein vierjähriger, von seinen Eltern vernachlässigter Bub, bringt noch mehr Chaos in die wackelige Dreierbeziehung. Miranda will den Kleinen adoptieren, Charlie willigt nolens volens ein. Doch ist zuvor noch eine Kleinigkeit zu klären: Miranda hat den Vergewaltiger einer Freundin per Falschaussage ins Gefängnis gebracht.

Der stets faktenbasiert operierende Androide Adam kann ob solcher Winkelzüge nur sein künstliches Haupt schütteln. Das Verständnis zwischen Mensch und Technik stößt an Grenzen, beiderseits. Es folgt der Showdown. Wer wem den Stecker zieht, wird nicht verraten.

In „Maschinen wie ich“ zeigt sich McEwan in großer Erzähl- und Fabulierlaune: ansprechend, unterhaltsam, komisch, spannend. Gelegentlich schweift er ab in ein philosophisch angehauchtes Technik-Privatissimum.

Roman Ian McEwan: „Maschinen wie ich“. Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben. Diogenes 2019, 405 Seiten, 25,70 Euro.