Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 22.06.2019


Buchpräsentation

Nahrhafte Häppchen geistreicher Literatur

Im biografisch durchwirkten neuen Buch „Kaffee und Zigaretten“ zeigt sich Ferdinand von Schirach als Meister der Anekdote.

Vor zehn Jahren veröffentlichte Ferdinand von Schirach, damals 45, seinen ersten Erzählband – der Beginn einer späten Schriftstellerkarriere.

© imago/Horst GaluschkaVor zehn Jahren veröffentlichte Ferdinand von Schirach, damals 45, seinen ersten Erzählband – der Beginn einer späten Schriftstellerkarriere.



Von Markus Schramek

Innsbruck – Fast schon im Jahresrhythmus versorgt der deutsche Bestsellerautor Ferdinand von Schirach (55) seine Anhängerschaft mit neuem Lesestoff. Die Form der Erzählung ist ihm, so scheint es, besonders lieb. Mit wenigen Worten schreibend Wirkung zu erzielen, ist wahrlich eine Kunst. Der ehemalige Anwalt und Strafverteidiger Schirach ist mit diesem Talent ausgiebig gesegnet.

Nach zwölf Kurzgeschichten zum Thema „Strafe“ im Vorjahr wurden für das neue Buch 48 Kapitel unter dem Titel „Kaffee und Zigaretten“ zusammengefasst. Man muss nicht Raucher aus Überzeugung sein, wie Schirach selbst, um die Lektüre als anregend zu empfinden. Und dem zweiten namensstiftenden Genussmittel, dem Kaffee, haben ohnehin die wenigsten abgeschworen.

Einen roten Faden sucht man in Schirachs Neuling vergeblich, so man überhaupt danach Ausschau hält. Dafür begegnet man geistreichen und oft brillant formulierten Anekdoten (die ganz kurzen sind eher Anekdötchen), Kommentaren zum Tagesgeschehen und persönlichen Anmerkungen. Vermutlich hat der Verfasser stets einen Spickzettel dabei, um Einfälle festzuhalten, zwecks späterer Verschriftlichung.

Viel Biografisches blitzt im Erzählten durch – die Kindheit im Schulinternat im unheimlichen Schwarzwald beispielsweise oder der frühe Tod des Vaters.

Schirach hat den Anwaltsberuf schon vor längerer Zeit ad acta gelegt. Sein Ex-Job bietet ihm seither einen unerschöpflichen Fundus an Unerhörtem und Unerklärlichem, an fragwürdigen Gerichtsentscheidungen und ausgewachsenen Skandalen. So gebärdet sich eine halbseidene Unternehmergestalt nach gewonnenem Prozess richtig unsympathisch und wirft mit Geld um sich; ein Anwalt überführt seine Mandantin des Betrugs und verhilft ihr, weil hoffnungslos in sie verliebt, trotzdem zum Freispruch. Gerade vor Gericht menschelt es eben gehörig. Recht haben und Recht bekommen ist zweierlei.

Kunterbunt gestaltet sich Schirachs Themenmix, beträchtlich sind die Zeitsprünge, dennoch bleibt man ihm als Leser dicht auf den Fersen. Kredenzt werden schließlich nahrhafte Häppchen Literatur, die zum Nachdenken anregen, ja zum Weiterdenken sogar, wie im Versuch, einem Advokaten nicht unähnlich, menschliches Tun nachvollziehbar zu machen.

Autor Schirach selbst ist in diesem Prozess, sich selbst verstehen zu wollen, schon ein Stück voraus. Fraglos hat ihm das Schreiben dabei geholfen. Sein Großvater Baldur von Schirach war als Reichsgauleiter in Wien aktiver Teil der Nazi-Todesmaschinerie, verantwortlich für die Deportation Zehntausender Juden.

„Jeder Jude, der in Europa wirkt, ist eine Gefahr für die europäische Kultur“, erklärte der Antisemit im Jahr 1942 in einer Rede. Sein Enkel Ferdinand will den Ekel darüber nicht verbergen. „Vielleicht bin auch ich aus Wut und Scham über seine Sätze und seine Taten der geworden, der ich bin“, ruft Autor Schirach dem 1974 gestorbenen Großvater ins Grab nach.

Was erhofft sich der Lesende von einem Buch? Darüber lässt sich trefflich streiten. Ist es Berieselung, Vorbildfunktion oder bloß Eskapismus? Schirach liefert einen bemerkenswerten Ansatz. Er benötigt dazu, wie es seine Art ist, nicht viele Worte: „Wir suchen die Bücher, die für uns geschrieben sind.“ In seinem neuen Buch fällt es nicht schwer, fündig zu werden.

Autobiografische Erzählungen. Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten. Luchterhand 2019, 191 Seiten, 20,60 Euro.