Letztes Update am Fr, 21.06.2019 13:19

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Happy Birthday

Überzeugter Europäer, ausgezeichneter Autor: Robert Menasse wird 65

An Preisen mangelt es Robert Menasse nicht. Vor allem sein Werk „Die Hauptstadt“ wurde hochgelobt, für die Theaterbühne adaptiert – und wegen falscher Zitate heftig kritisiert. Nun wird der Autor 65.

null

© dpa



Wien – Sein in Brüssel spielender Europa-Roman „Die Hauptstadt“ wurde ein Erfolg bei Lesern und Kritikern gleichermaßen und trug ihm 2017 den Deutschen Buchpreis ein. Ein Jahr später geriet er nach Vorwürfen zum Umgang mit Zitaten und historischen Daten unter heftige Kritik. Bei Robert Menasse geht politisches und literarisches Engagement Hand in Hand. Am Freitag feiert der Autor seinen 65. Geburtstag.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Dass er dem deutschen Politiker und ersten Kommissionspräsidenten des EU-Vorläufers Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Walter Hallstein, in „Die Hauptstadt“ erfundene Zitate in den Mund gelegt und eine Rede in Auschwitz angedichtet hatte, gab der in Wien und im Waldviertel wohnende Autor zu und entschuldigte sich. Er habe „ein starkes literarisches symbolisches Bild“ in seinem Roman über die historischen Fakten gestellt.

Für Robert Menasse ist die Europäische Union DAS Friedensprojekt unserer Generation. Es muss mit aller Macht bewahrt und verteidigt werden. Schon sein Essay „Der Europäische Landbote“, von der Friedrich Ebert Stiftung Berlin als „Das Politische Buch 2013“ ausgezeichnet, schlug in die Kerbe. Am 11. November 2018 wurde dann im Rahmen des „European Balcony Project“ in 25 Ländern vor rund 30.000 Teilnehmern die Europäische Republik ausgerufen – nach einem Manifest von Ulrike Guerot und Robert Menasse. „Der heutige Tag hat gezeigt, dass nur die europäische Realität in der Krise ist, aber nicht die europäische Idee. Trägt man die europäische Idee in die Öffentlichkeit, entsteht Bewegung“, freute sich Mitinitiator Menasse danach.

„Ich verstehe den Unmut der Bevölkerung“

Der Ausgang der jüngsten EU-Wahl in Österreich habe ihn nicht überrascht, sagt Menasse im aktuellen News: „Die Wahl zum Europäischen Parlament ist wie immer als innenpolitischer Stimmungsbarometer missbraucht worden.“ Und weiter: „Ich verstehe den Unmut der Bevölkerung, weil wirklich so viel schief läuft. So ist es schwer, zu vermitteln, dass man die Idee verteidigen muss. Ich gebe ein Beispiel: Wenn weitere Länder aufgenommen werden, muss man neue Ressorts erfinden, damit jedes Land einen Kommissar bekommt. Und das Verrückteste ist, dass jedes Land einen Kommissar nominiert, ohne noch zu wissen, welches Ressort er dann bekommt.“

Robert Menasse wurde am 21. Juni 1954 in Wien geboren. Er studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina. 1980 promovierte er mit dem Thema „Der Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb“, 1981 bis 1986 war er Lektor bzw. Gastdozent für österreichische Literatur an der Universität Sao Paulo (Brasilien). Er arbeitete auch als Übersetzer aus dem brasilianischen Portugiesisch. Seit seiner Rückkehr aus Brasilien ist Menasse freiberuflicher Schriftsteller und wurde schon 1990 erster Preisträger des Heimito-von-Doderer-Preises.

Zahlreiche Auszeichnungen

In Folge wurde der Autor vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Lion-Feuchtwanger-Preis (2002), dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis (2002), dem Joseph-Breitbach-Preis (2002) dem Erich-Fried-Preis (2003), dem Prix Amphi (2007) dem Donauland-Sachbuchpreis (2012), dem Österreichischen Kunstpreis (2012), dem Heinrich-Mann-Preis (2012), dem Max-Frisch-Preis (2014). Das Preisgeld in der Höhe von 100.000 Schilling (7.267 Euro), das Menasse für den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik 1998 erhielt, verwendete der Autor zur Stiftung des Jean Amery-Preises. Nach dem Deutschen Buchpreis 2017 gab es noch den Walter-Hasenclever-Preis und die Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz .

Menasses erste Erzählung „Nägelbeißen“ erschien 1973 in der Zeitschrift Neue Wege, sein 1988 erschienener, unter österreichischen und deutschen Emigranten in Brasilien spielender erster Roman „Sinnliche Gewißheit“ fand Eingang in seine „Trilogie der Entgeisterung“, die mit den Romanen „Selige Zeiten, brüchige Welt“ (1991) und „Schubumkehr“ (1995) sowie der Nachschrift „Phänomenologie der Entgeisterung“ (1995) fortgesetzt wurde. In seinem Roman „Die Vertreibung aus der Hölle“ (2001), für den er zeitweise in Amsterdam lebte, verwob der Autor die Geschichte des im 17. Jahrhundert verfolgten Rabbi Menasse mit der Geschichte des im Schatten des Zweiten Weltkriegs lebenden Viktor Abravanel, Menasses Bruder im Geiste. „Don Juan de La Mancha oder die Erziehung der Lust“ schilderte 2007 die tragikomische Suche eines modernen Ritters von der traurigen Gestalt nach dem Liebesglück.

Als Essayist von Anfang an erfolgreich

Eine Karriere als Dramatiker kam nicht in Schwung: Sein für das Burgtheater geschriebenes „Staatstheater“ wurde schließlich 2006 als „Paradies der Ungeliebten“ in Darmstadt uraufgeführt, wo drei Jahre später auch das Theaterstück „Doktor Hoechst – Ein Faustspiel“ auf die Bühne kam.

Dagegen hatte Menasse als Essayist von Anfang an Erfolg. Mit „Die sozialpartnerschaftliche Ästhetik“ (1990), „Das Land ohne Eigenschaften“ (1992), „Dummheit ist machbar“ (1999) oder „Das war Österreich“ (2005) hat er sich als Kritiker der Zustände in seinem Heimatland mit nahezu allen angelegt. Gegenwart und Vergangenheit, Austrofaschismus und Antisemitismus, Politik und Kultur, Medien- und Finanzpolitik, Demokratiedefizit und Globalisierung sind Themen, mit denen sich Menasse in Essays und Kommentaren auseinandersetzt und immer wieder intensive Diskussionen auslöst.

Mit dem 2012 beim Festival Crossing Europe in Linz uraufgeführten Film „Grenzfälle“ hat Menasse, dessen Halbschwester Eva ebenfalls als Autorin tätig ist und dessen Gattin Elisabeth Menasse-Wiesbauer das ZOOM-Kindermuseum in Wien leitet, seine Essays auch ins Filmische geweitet. Nicht als Film-, sondern als Politik-Experte zeigt sich Menasse übrigens gegenüber „News“ vom Ibiza-Video keineswegs überrascht: „Wenn ich mir etwas sehr deutlich vorstellen kann, und dann wird ein Videobeweis geliefert, warum soll ich mich wundern?“ (APA)