Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 17.07.2019


Literatur

Zum 50. Todestag: Adorno liefert eine Handreichung für die Gegenwart



Im April 1967 hielt der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno an der Universität Wien einen Gastvortrag, der „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" beleuchtete. Nun, anlässlich von Adornos 50. Todestag Anfang August, liegt der Text erstmals als Buch vor. Und er liest sich erschreckend heutig. Oder, in den Worten von Volker Weiß, der den schmalen Band um ein kundiges Nachwort ergänzte, „wie ein Kommentar zu aktuellen Entwicklungen". Adorno benennt das Gefühl der Deklassierung, von dem rechtsradikale Bewegungen heute wie damals profitierten, begreift es aber nicht als irrationale Angst, sondern als Reaktion auf die ungleiche Verteilung von Vermögen und veränderte Produktionsprozesse. Oder, auf gut adornitisch: „Das Gespenst der technologischen Arbeitslosigkeit" geht um. Auf diese durchaus vernünftigen Sorgen ziele rechte Propaganda ab — damals jene der NPD, heute von AfD, FPÖ oder Salvinis Lega. Und die scheue weder Lüge noch Trickbetrug.

Letztlich — hier zeigt sich Ador­no auf der Höhe heutiger Hegemonie-Diskurse — gehe es nie um Sachpolitik, sondern darum, Macht zu erringen und diese auszuüben. Spätestens an dieser Stelle des vom Autor bescheiden als „lose Bemerkungen" umschriebenen Vortrags wähnt man sich auf Ibiza: Dieser knappe Text ist eine Handreichung zur Zeit — und eine auch nach einem halben Jahrhundert notwendige Anleitung hinzuschauen. (jole)
Vortrag Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Suhrkamp, 86 Seiten, 10,30 Euro.



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