Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 31.08.2019


Literatur

„Nicht wie ihr“: Die Sorgen eines Stürmers

Tonio Schachingers für den Deutschen Buchpreis nominiertes Debüt „Nicht wie ihr“.

Tonio Schachinger wurde 1992 im indischen Delhi geboren und lebt in Wien.

© APATonio Schachinger wurde 1992 im indischen Delhi geboren und lebt in Wien.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Man weiß es seit Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“: Erzählungen, die mit dem Fußball flirten, handeln nicht vom Fußball. Sport und das ganze Drumherum dienen vielmehr als Reservoir mehr oder weniger belastbarer Metaphern, durch die anderes, Größeres – mit Verlaub –, Gewichtigeres erzählt werden soll. Auch in Tonio Schachingers erstem – einigermaßen überraschend für den Deutschen Buchpreis nominierten – Roman „Nicht wie ihr“ ist der Fußball, in diesem Fall die Glitzerwelt des Profifußballs, ein Vorwand, um anderes zu verhandeln. Allerdings fragt man sich bisweilen, was. Vieles wird angerissen: Am eindrücklichsten vielleicht das Spannungsverhältnis von selbstbewusstem Stolz und den Bedingungenen einer beinharten Leistungsgesellschaft. Auch das ganze Identifikations-Trallala klingt an, dass Fans und Berichterstatter immer dann angestrengt anstimmen, wenn ein vermeintlicher Nationalheld vor Spielbeginn aufs Hymnenmitsingen verzichtet. Schachingers Protagonist ist allerdings kein großer Identitäts-Dribbler. Das Zeug zum Stürmerstar hätte er aber trotzdem. Mit 27 gehört er allerdings bereits zum etwas angerosteten Eisen. Und sein Ruf ist nicht der beste: Ivo Trifunovic, ein in Wien groß gewordener Sohn bosnischer Einwanderer, galt als Ausnahmetalent. Für den FC Basel traf er einst dreimal gegen die großen Bayern. Später gewann er mit Chelsea sogar die Champions League. Allerdings ohne auch nur eine Minute auf dem Spielfeld gestanden zu haben. Nach einigen Jahren beim gernegroßen HSV spielt Ivo inzwischen beim FC Everton in der Premier League. Wo er sauviel verdient, aber irgendwie auch viel leidet – zumal es auch im Nationalteam an der Seite von Alaba und ­Arnautovic nicht wirklich läuft.

Erzählt wird von den Sorgen des Stürmers als innerer Monolog. Schachinger hat fraglos ein Talent für Rollenprosa. Sein Text ist reich an Slang und geschärften Spitzen, gegen die Sportjournaille zum Beispiel. Oder den Trend zum Mentalcoaching. Trotzdem plätschert „Nicht wie ihr“ reichlich unmotiviert dahin: Luxusprobleme, ein Rückenleiden und das Ringen mit dem eigenen Ruf sind zwar bildhaft geschildert, bleiben aber durchwegs in der Komfortzone des Banalen. Für einen Hauch Dramatik sorgt eine frisch entflammte Jugendliebe – und eine haarscharf verpasste Familienkatastrophe. Letztere öffnet Trifunovic tatsächlich die Augen. Es gibt wohl tatsächlich Wichtigeres als den Egotrip auf dem Spielfeld. Und Schlimmeres als eine unberechtige Rote Karte in der ersten Halbzeit.

Roman Tonio Schachinger: Nicht wie ihr. Kremayr & Scheriau, 302 Seiten; 22,90 Euro.