Letztes Update am Sa, 14.09.2019 07:54

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ungarn

Großer Europäer und Instanz: Schrifsteller György Konrad gestorben

Der ungarische Schriftsteller György Konrad erlag nach langer schwerer Krankheit in einem Budapester Heim seinem Leiden.

Symbolfoto.

© istockSymbolfoto.



Budapest – Im Alter von 86 Jahren ist am Freitag in Budapest der Schriftsteller und frühere Präsident der Berliner Akademie der Künste, György Konrad, gestorben. Er erlag in seinem Budapester Heim einer langen, schweren Krankheit, teilte die Familie am Freitagabend der ungarischen Nachrichtenagentur MTI und der Berliner Akademie mit.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Als Kind überlebte Konrad den Holocaust, dem ein Großteil seiner Familie zum Opfer fiel. Als studierter Soziologe arbeitete der Sohn eines Eisenhändlers in der Hauptstadt Budapest in der Jugendfürsorge und als Stadtsoziologe. Sein Romandebüt „Der Besucher“ veröffentlichte er 1969. Der schonungslose Blick auf die offiziell verleugneten Zonen des sozialen Elends im Realsozialismus brachte ihn zunehmend in Opposition zum Regime.

Nach und nach wurde er zum Dissidenten, der nur im Untergrund – in den Zeitschriften und Publikationen der so genannten Samisdat-Literatur – zu veröffentlichen vermochte. Reise- und Berufsverbote waren die Folge seines regimekritischen Wirkens. Die demokratische Wende, das Ende des Kommunismus erlebte er, als er bereits jenseits des 55. Lebensjahrs war.

Große Erinnerungsliteratur

Seine Romane und essayhaften Erzählungen – darunter sind „Geisterfest“ (1986), „Melinda und Dragoman“ (1991), „Glück“ (2003), „Sonnenfinsternis auf dem Berg“ (2005), „Das Buch Kalligaro“ (2007), „Gästebuch - Nachsinnen über die Freiheit“ (2016) und „Baumblätter im Wind. Ausgrabung I.“ (2017) – sind große Erinnerungsliteratur. Mit spielerischem Gestus schafft sich der Autor seine eigenen erzählerischen Gesetze, fügt Porträts, Anekdoten und Abhandlungen in den Erzählfluss ein.

Dabei entstanden Sittenbilder von den gesellschaftlichen und moralischen Zuständen im ungarischen Gulasch-Kommunismus und der darauffolgenden Transformationszeit. Ebenso präzise wie sinnlich anschaulich künden diese von verratenen Idealen, zynischer Anpassung und resigniertem Außenseitertum.

Seine Rolle als Citoyen, als moralische Instanz, die den Finger auf die wunden Punkte der Gesellschaft legte, streifte Konrad aber auch nach der Wende nicht ab. Mit Elan setzte er sich für die europäische Einigung ein. Von 1997 bis 2003 war er Präsident der Berliner Akademie der Künste, 2001 erhielt er den Aachener Karlspreis.

Gesamteuropäische Instanz

Immer wieder erhob er seine Stimme, wenn er die Menschenrechte und Grundfreiheiten gefährdet sah. Im eigenen Land, wo der markant rechtsorientierte Ministerpräsident Viktor Orban seit 2010 mit autoritären Methoden und populistischer Rhetorik regiert, vermochten seine Einwürfe mit den Entwicklungen kaum mehr Schritt zu halten. Dennoch beruhige ihn, meinte er in einem Interview im Vorjahr, dass die EU auf die Ungarn am Ende des Tages eine weitaus stärkere Anziehung ausüben würde als Diktatoren.

Der Parade-Intellektuelle aus Ungarn wurde längst schon als gesamteuropäische Instanz wahrgenommen. Der Essayist Karl-Markus Gauß meinte einmal halb-ironisch, Konrad wäre geeignet für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Europa, wenn es dieses gäbe. (APA/dpa)


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Christoph W. Bauer, Jg. 1968, verfasst Lyrik, Prosa und Hörspiele. Der mehrfach ausgezeichnete Autor ist in Tirol aufgewachsenRoman
Roman

„Niemandskinder“: Mäandern an der Seine

Im Roman „Niemandskinder“ schickt Christoph W. Bauer seinen Protagonisten auf eine schmerzliche Reise zurück nach Paris.

Angela Lehner wuchs in Osttirol auf. Mit „Vater unser“ nimmt sie im September auch am Südtiroler Franz-Tumler-Literaturwettbewerb teil.Literatur
Literatur

Angela Lehners “Vater unser“: Eine Irrenanstalt als Naherholungsgebiet

Angela Lehners für den Deutschen Buchpreis nominiertes Debüt „Vater unser“.

Bezirk Imst
Bezirk Imst

Geschichten über die Leute in den Tälern

Ötztaler Museen und Pro Vita Alpina präsentieren Bücher in der Reihe „Freitags im Museum“

Landesrätin Beate Palfrader (Mitte) gratuliert den PreisträgerInnen Carolina Schutti und Markus Köhle.Tirol
Tirol

Literaturstipendien des Landes an Carolina Schutti und Markus Köhle

Carolina Schutti überzeugte in der Sparte Prosa mit ihrem Romanentwurf „Schildläuse, Wölfe, Katzenmann“, Markus Köhle erhält das mit 15.000 Euro dotierte Sti ...

Spannungsprofis: Bernhard Aichner, Charlotte Link und Ursula Poznanski (von links).Tirol
Tirol

Flächendeckendes Fieber: Eine Woche Wort- und Totschlag beim Krimifest

Das Krimifest Tirol findet im Oktober zum dritten Mal statt und expandiert bis an den Wörthersee.

Weitere Artikel aus der Kategorie »