Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 20.09.2019


Literatur

Der Zorn-Altmeister Peter Turrini wird 75

In „Diese Komödie ist eine Tragödie“ zeichnet Christine Rigler den Werdegang des Dramatiker nach. Auch der ORF gratuliert dem Jubilar.

Vom Bürgerschreck zum Großdramatiker: Peter Turrini wird am kommenden Donnerstag 75 Jahre alt.

© ARCHIV DER ZEITGENOSSENVom Bürgerschreck zum Großdramatiker: Peter Turrini wird am kommenden Donnerstag 75 Jahre alt.



Innsbruck – Was Peter Turrini nicht alles ist. Was er nicht schon alles war. Ein Bürgerschreck. Einer, der drogenbeeinflusst und deftig schrieb. Im Dialekt. Zugegeben: Das ist lange her. Inzwischen ist Turrini Österreichs wahrscheinlich meistgespielter Dramatiker, ein Staatsdramatiker. Ein Mahner und Fürsprecher. Einer, der Partei ergreift, aber nie Gefahr läuft, zum Parteigänger zu werden.

Als sich vor etwa eineinhalb Jahren ein Fachbeirat für Josef Winkler als Kulturpreisträger des Landes Kärnten aussprach und die Kulturpolitik diese Empfehlung missachtete, war Peter Turrini der Konsenskandidat. Turrini, ein Konsenskandidat? Ausgerechnet Turrini? Der Autor von „Rozznjogd“ und „Sauschlachten“, der auf offener Bühne, in Vorträgen und freier Rede tief in den Wunden der Republik wühlte? Dass Turrini seinen Dank in klare Worte fasste, überraschte kaum. Er rechnete ab. Mit hysterischem Applaus, der immer dann aufbrandet, wenn anderen Zuwendungen gekürzt werden. Aber auch mit einem „adrett zugerichteten jungen Mann“ im Kanzleramt und einer „Horde von Burschenschaftern“ drum herum. Schon als Turrini 2011 den Lebenswerk-Nestroy bekam, verhagelte der Honorierte den Honoratioren die Feierlaune: „Vieles, was heute am Theater passiert, kommt mir ziemlich plemplem vor. Jeder, der einigermaßen einen Bleistift halten kann, greift in Texte ein. Da schreie ich auf.“

Turrini mag milder geworden sein. Und älter – am nächsten Donnerstag wird er 75. Bequem geworden ist er nicht. Deshalb erinnerte die Posse um den Kärtner Kulturpreis nicht zuletzt an Turrinis beste Stücke. An diese zornigen Zurschaustellungen zerfahrener Zustände, an Tragödien, die einem – im doppelten Wortsinn – komisch vorkommen.

Auch Christine Rigler, die im Kremser „Archiv der Zeitgenossen“ den Vorlass des Autors betreut, beschreibt Peter Turrini in ihrer dieser Tage vorgelegten Biografie als großen Tragikomiker. Detailliert zeichnet Rigler den Werdegang Turrinis nach – und holt dafür wunderbare Fotografien aus dem Archiv. Von der „frühen Unbehaustheit“ als Sohn eines italienischen Zuwanderers in der Kärntner Provinz geht es über die frühen „Skandaljahre“, in denen mancher Kritiker „diesen Orang-Utan zurück in den Wald“ wünschte, und die Zeit der großen Kontroversen um die wegweisende ORF-Serie „Alpensaga“ bis herauf in die Gegenwart. Lesen lässt sich Riglers „Diese Komödie ist eine Tragödie“ auch als kleine Kulturgeschichte der letzten Jahrzehnte: Von den Antiidyllen der Avantgarde an Waldheims Pferd vorbei in die Sprechtheaterkathedrale am Ring – Claus Peymann brachte viel Turrini ans Burgtheater, die „Minderleister“ und „Alpenglühler“ zum Beispiel – und von dort in die Josefstadt, wo der Zorn-Altmeister seit 2006 zum Experten für Gegenwartgesättigtes wurde. Hier wird 2020 auch sein nächstes Stück „Gemeinsam ist Alzheimer schöner“ uraufgeführt.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Für ihren Film „Peter Turrini – Eine komische Katastrophe“ hat die Dokumentaristin Danielle Proskars den Autor über mehrere Jahre begleitet. ORF 2 zeigt das Porträt am kommenden „Kulturmontag“ um 23.15 Uhr. Auch hier wird, in etwas bemüht poetischen Bildfolgen, vom Werden und Wirken eines Großschriftstellers erzählt. Ausgerechnet die „Alpensaga“ fehlt allerdings beinahe ganz. Der größte Triumph des Films ist Turrini selbst, der Passagen aus seinem Erinnerungsbuch „C’est la vie. Ein Lebens-Lauf“ eingelesen hat. Dem widmet sich – ganz ohne Bildpathos – auch das gleichnamige, bereits 2014 produzierte Ö1-Feature, das bereits morgen Samstag um 14 Uhr ausgestrahlt wird. (jole)

Biografie Christine Rigler: Peter Turrini – Diese Komödie ist eine Tragödie. Haymon, 240 S., 24,90 Euro.




Kommentieren


Schlagworte