Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 24.09.2019


Ausstellung

Chryseldis-Retrospektive: Aus Farbkürzeln Gedichtetes

Schwerpunkt der Chryseldis-Retrospektive im Schwazer Rabalderhaus ist das kaum bekannte Frühwerk der Künstlerin, deren längst überfällige Monografie in Kürze erscheint.

Dieser 1980 gemalte „Stuhl“ konnte 2017 aus der brennenden Haller Wohnung von Chryseldis gerettet werden und hängt nun – wunderbar restauriert von Herbert Szusich – im Schwazer Rabalderhaus.

© schlockerDieser 1980 gemalte „Stuhl“ konnte 2017 aus der brennenden Haller Wohnung von Chryseldis gerettet werden und hängt nun – wunderbar restauriert von Herbert Szusich – im Schwazer Rabalderhaus.



Von Edith Schlocker

Schwaz – Bei der Eröffnung der Ausstellung in der Telfer Villa Schindler vor zwei Jahren von Plakaten, mit denen Chryseldis viele Jahre lang den Tiroler Volksschauspielen ein „Gesicht“ im öffentlichen Raum gegeben hat, hatte ihre Tochter Anna Mitterer ein lachendes und ein weinendes Auge. Weil sie sich über die gelungene Ausstellung so freute und es ihr andererseits so leidtat, das Lächeln ihrer damals erst wenige Monate zuvor tragisch im Alter von 69 Jahren bei einem Wohnungsbrand ums Leben gekommenen Mutter vermissen zu müssen.

Im Gegensatz zu dieser Schau führt die von Günther Dankl im Rabalderhaus kuratierte Chryseldis das in ihrer ganzen Vielseitigkeit vor. Als Zeichnerin, Malerin und Druckgrafikerin genauso wie als Gestalterin von Glasfenstern. Was besonders erfreulich ist, ist, dass sich viele private Leihgeber für ein paar Wochen von Arbeiten aus den ganz frühen Jahren der Künstlerin getrennt haben. Als diese noch auf der Suche nach ihrer unverwechselbaren Handschrift war, um sich als Konsequenz eines mühsamen Emanzipationsprozesses von ihrem ersten Anreger und Mutgeber Herbert Danler genauso wie ihrem Meister an der Wiener Akademie, Rudolf Hausner, zu lösen und ganz zu sich selbst zurückzukehren.

Physisch durch ihr Heimkommen nach Tirol genauso wie psychisch. Haben die Bilder von Chryseldis doch letztlich immer unmittelbar mit ihr zu tun, den Orten und Menschen, die sie gekannt und gemocht hat, egal, ob es sich dabei um konkrete Personen oder historisch besetzte handelte. Wie Franz von Assisi und seine Schwester Clar­a, denen die Künstlerin ihre Diplomarbei­t gewidmet hat. Besonders spannend in der Schau sind allerdings jene Arbeiten, die man Chryseldis auf einen ersten Blick niemals zuordnen würde. Entstanden in der Zeit vor ihrer Aufnahme in die Akademie, als unübersehbar Frida Kahlo ihr großes Vorbild war. Und sie sich selbst ihr liebstes Modell, wie einige in demaskierender Expressivität auf Papiere gefetzte Selbstporträts vorführen. Abgelöst von einer Phase, in der das Bild fast zur Nebensache wird, sozusagen zum atmosphärischen Malgrund für sehr persönlich adressierte schriftliche Botschaften. Um in ihrer ornamentalen Stilisiertheit allerdings wieder zum autonomen Bild zu werden.

Die Bildwelt, die sich Chryseldis erzeichnet und ermalt hat, ist eine sehr spezielle. Die Art und Weise, wie es ihr gelang, die Wirklichkeit auf nur wenige, dekorativ in der Fläche zelebrierte Symbol- und Ausdrucksträger zu reduzieren, macht sie zur „Dichterin“ mit den Mitteln der Malerei. Zur mit Botschaften aufgeladenen Verdichterin komplexer, oft philosophisch hintergründiger Inhalte. Da geht es um Heimaten und Identitäten, um Ein- und Ausgegrenztes, oft auch um die Frau in ihrer Verletzlichkeit. Was sehr viel mit ihrer eigenen Verletztheit zu tun hatte, die zu ertragen ihr lange Zeit nur durch ihre Arbeit möglich war. Die Schwazer Ausstellung führt aber auch vor, was für eine hervorragende Druckgrafikerin Chryseldis war, egal, ob sie ein Thema in den unterschiedlichsten Varianten ausreizte oder ikonisch auf den Punkt brachte.

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Die längst überfällige Chryseldis-Monografie ist der Ini­tiative von Günther Dankl und Elio Krivdic zu verdanken. Die Biografie der Oberländer Wirts­tochter wird von ihrem Ex-Mann Felix Mitterer in einem bereits 2002 entstandenen Text nacherzählt, wie sehr sie ihre Mutter vermisst, schreibt Anna Mitterer in dem ihren. Aus unterschiedlichen, sehr persönlichen Perspektiven nähern sich weiters Agnes Büchele, Ruth Haas und Günther Dankl an den Menschen und die Künstlerin Chryseldis an.