Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 30.09.2019


Literatur

„Kintsugi“: Die Schönheit des Makels

Souverän und sprachlich fein gearbeitet: Mit ihrem Romandebüt „Kintsugi“ steht Miku Sophie Kühmel in der Endrunde um den Deutschen Buchpreis.

Den renommierten Jürgen-Ponto-Preis hat die 1992 geborene Miku Sophie Kühmel für ihren ersten Roman "Kintsugi" bereits erhalten.

© LabesDen renommierten Jürgen-Ponto-Preis hat die 1992 geborene Miku Sophie Kühmel für ihren ersten Roman "Kintsugi" bereits erhalten.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Auch der Literaturbetrieb hat seine Sollbruchstellen. Wobei die seit geraumer Zeit beliebteste absehbare Bruchlinie so genannte Shortlists sind. Shortlists, also Nominiertenlisten, die im Vorfeld von Preisverleihungen für Spannung sorgen sollen, sorgen unweigerlich für Zores: Eine Jury rückt eine Handvoll Romane ins Rampenlicht – und die Nichtjuroren wundern sich mehr oder weniger wortreich über die Auswahl. Die Debatte ist vorprogrammiert. Sie ist zum Ritual geworden. Die ökonomische und aufmerksamkeits­ökonomische Bedeutung von Sollbruchstellen lässt sich auch im Feld des Literarischen nicht mehr unterschätzen.

In Japan entwickelte sich im 16. Jahrhundert eine zenbuddhistisch unterfütterte Reparaturmethode für Zerbrochenes: Beschädigte Keramik wird mit Gold geklebt, der Makel also durch die Technik des Kintsugi als Veredelung hervorgehoben. Miku Sophie Kühmels Debütroman „Kintsugi“ spielt allerdings nicht in Japan, sondern in der – zuletzt literarisch vielfältig vermessenen – deutschen Uckermark, in der alltagsmüde Städter ihre Sehnsucht nach strukturschwacher Authentizität ausleben. Trotzdem geht irgendwann ein Porzellanservice aus Fernost in die Brüche. Max – einem der vier Protagonisten des Romans – gelingt es allerdings, die Bruchstellen unsichtbar zu machen. Auf den ersten Blick jedenfalls. „Kintsugi“ allerdings ist ein Roman des zweiten Blickes. Und als solcher vergleichsweise konventionell gebaut: Der Künstler Reik und der Archäologe Max sind seit zwei Jahrzehnten ein relativ stabiles Paar. Mit Tonio und dessen erwachsener Tochter Pega haben sie sich für ein Wochenende in ein abgelegenes Haus am See zurückgezogen. Parallelen zu Goethes „Wahlverwandtschaften“ sind wohl nicht ganz zufällig, der wohl an Yasmina Rezas Eskalationsdramaturgie geschulte Spannungsaufbau tut sein Übriges: Im idyllischen Designerdekor tun sich Abgründe auf. Die naheliegende Einsicht, dass gerade im Unvollkommenen Schönheit liegt, lässt sich Zeit. Kühmel nützt sie für Rückblenden. Im Bewusstseinsstrom ihrer Hauptfiguren wird erzählt, was war. Und was gewesen sein könnte. Die Gegenwart fasst Kühmel in knappe Dialogdramen.

„Kintsugi“ ist gut gebaut und sprachlich fein gearbeitet. Und hat es, etwas überraschend vielleicht, auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. „Kintsugi“ ist ein beeindruckend souveränes Debüt. Ob das für die Kür zum „Roman des Jahres“ reicht – der Preis wird am 14. Oktober vergeben –, darf man ebenso in Frage stellen wie die Sinnhaftigkeit der Behauptung, es gäbe so etwas wie den Roman des Jahres. Ein Makel auf der Shortlist ist „Kintsugi“ aber keinesfalls. Eher das Gold zwischen den Bruchstücken: selbstbewusste Literatur, die gefällt, weil sie alles andere als gefällig ist.

Roman Miku Sophie Kühmel: Kintsugi. S. Fischer, 295 S., 21,60 Euro.