Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 24.10.2019


Literatur

Mit Wut im Bauch und Cohen im Ohr

Im neuen Buch „Fliege fort, fliege fort“ entwickelt Paulus Hochgatterer eine packende Story mit wiederentdeckten Romanfiguren.

Paulus Hochgatterer (58) lebt als Autor und Psychiater in Wien.

© DeutickePaulus Hochgatterer (58) lebt als Autor und Psychiater in Wien.



Von Markus Schramek

Innsbruck – Selber schuld! Dass Autor Paulus Hochgatterer, erzählenderweise, zupackt und nicht mehr loslässt, ist bekannt. Somit erweist sich die Annahme, man würde eh nur ein paar Kapitel weit hineinlesen in den neuen Roman „Fliege fort, fliege fort“, als Fehlprognose. Jetzt ist es weit nach Mitternacht und das Buch zu Ende. So viel an Unrecht und an abgrundtiefer Bösartigkeit verlangen nach Auflösung. Und die will man wissen. Unverzüglich.

Hochgatterer ist Schriftsteller und Kinderpsychiater. Man kann erahnen, mit welchen Schicksalen er konfrontiert ist. Schreiben ist wohl auch ein Mittel, um solche Erfahrungen zu verarbeiten.

Und so greift der in Niederösterreich gebürtige Arzt fiktiv ein Thema mit besonders akuten Bezügen zur realen Welt auf: den Missbrauch junger Menschen in öffentlichen Einrichtungen und Heimen. Kinder, die von staatlichen oder kirchlichen so genannten „Erziehern“ gequält wurden, geschlagen, tyrannisiert, sexuell missbraucht.

Hochgatterer hat für seinen Neuling Romanfiguren reaktiviert, die schon in zwei älteren Büchern („Die Süße des Lebens“, 2006, und „Das Matratzenhaus“, 2010) bei den Lesern vorstellig wurden: den Psychiater Raffael Horn, beruflich im Klinikalltag stets am Limit und immer noch schwer verliebt in seine Cello spielende Frau Irene; und den Kommissar Ludwig Kovacs, gesundheitlich angeschlagen, kauzig und pensionsreif.

In Furth am See, einem erfundenen Städtchen, wie es in Österreich viele ähnliche tatsächlich gibt, werden alte Menschen malträtiert, verprügelt, in einem Fall gar mit Katzenfutter bis zum Erbrechen zwangsverköstigt. Die Opfer waren in jüngeren Jahren allesamt selbst Täter, weil mitbeteiligt am Schreckensregime in einem örtlichen Kinder- und Jugendheim. Spät ereilt sie Rache für ihre Schandtaten. Die Entführung eines Schulmädchens bringt das Soziotop Furth dann endgültig zum Überkochen.

Bei all diesen Zwischenfällen agiert im Hintergrund dieselbe Person als Dreh- und Angelpunkt. Wer das ist, überrascht (weil Hochgatterer geschickt die Erzählperspektive wechselt), ist aber logisch und nachvollziehbar.

Den Spannungsbogen seiner Story umkleidet der promovierte Autor mit Lokalkolorit. Der Roman mag definitorisch eine Art Krimi sein, doch er liest sich auch als punktgenaue Schilderung österreichischer Zustände: ein populistischer Politiker-Emporkömmling, der jeden Gewaltakt „den Asylwerbern“ in die Schuhe schiebt; eine Schlägertruppe mit Glatzen und Stiernacken; renitente Jugendliche, vernachlässigt von den Eltern. Dazu schräge Vögel wie Pater Joseph, der, wie jeder weiß, zweierlei hat: eine Geliebte und Songs von Leonard Cohen im Köpfhörer, sogar während der Beichte.

Hochgatterer beschreibt nach- und eindrücklich die Verwundungen menschlicher Seelen. Zum Luftholen lockert er seine geballte Roman-Packung ein wenig auf – mithilfe von amüsanten Verbalabtäuschen unter Berufskollegen und Ehepaaren.

Niemand hebt moralisierend den Finger. Dass es Handlungen gibt, die, obwohl gegen das Gesetz, als eine Form von (später) Gerechtigkeit gedeutet werden können, wird auch so klar.

Ein starkes Buch und unbedingt lesenswert. Vor oder nach Mitternacht.

Roman Paulus Hochgatterer: Fliege fort, fliege fort. Deuticke 2019, 304 Seiten, 23,70 Euro.