Letztes Update am So, 18.03.2012 19:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Literatur

„Mundhalten ist nicht meine Kernkompetenz“

Andreas Salcher ist Unternehmensberater und Autor. In seinem Buch „Ich habe es nicht gewusst“ befragt er sich und andere nach Möglichkeiten der Weltverbesserung durch Selbstverbesserung.



Haben Sie heute schon etwas Gutes getan?

Andreas Salcher: Nein, meine pfadfinderliche gute­ Tat habe ich noch nicht begangen. Ich war nett zu den Taxifahrern, mit denen ich heute zu tun hatte, und gab ihnen ein gutes Trinkgeld. Aber das erachte ich als Selbstverständlichkeit.

Wie definieren Sie „gut“?

Salcher: Weil wir hier in Tirol sind: Mein Lieblingszitat in meinem neuen Buch „Ich habe es nicht gewusst“ ist jenes von Hermann Gmeiner, der sagte, alles Große in der Welt geschieht, weil jemand mehr tut, als er muss. Darin liegt für mich das Gute: nicht nur das Selbstverständliche zu tun, deine Komfortzone zu verlassen, etwas zu riskieren – nicht nur für dich selbst, sondern auch für andere.

„Das Selbstverständliche“ ist variabel.

Salcher: Viele Menschen stecken in strikt routini- sierten Abläufen und denken abends erschöpft, sie könnten unmöglich noch mehr tun. Ich bin nicht verantwortlich dafür, was Sie tun, ich bin verantwortlich dafür, was ich tun kann. Und ich habe das Gefühl, man kann immer noch ein bisschen mehr machen. Dazu möchte ich die Menschen mit diesem Buch verleiten.

Wie?

Salcher: Die Grundvoraussetzung ist, sich für andere Menschen zu interessieren. Dann wird man viele Möglichkeiten erkennen. Alles Positive, das du tust, kommt in der einen oder anderen Form zurück, aber auch dein Versagen, alles Negative, das du aussendest, kriegst du irgendwann vom Leben zurück.

Sie glauben an ausgleichende Gerechtigkeit?

Salcher: Ich glaube an das Gesetz von Ursache und Wirkung. Schauen Sie sich nur die Wirtschaftsskandale an: Die Herren haben irgendwo etwas gebunkert. Aber ich weiß nicht, ob die gut schlafen. Oder was die fühlen, wenn ihnen jeder hinterhertuschelt.

Mein Racheimpuls sagt: Hoffentlich schlafen die wenigstens schlecht! – Andererseits ist es mir herzlich egal, wie es um die Nachtruhe korrupter (Ex-)Politiker steht.

Salcher: Solche Augenblicke der Wut kennt sicher jeder. Man muss nur irgendwann erkennen, dass Wut letztlich nur einem selbst schadet. Ich glaube­ nicht, dass wir zwei für höhere­ Gerechtigkeit verantwortlich sind.

Für mich kann ich das definitiv ausschließen!

Salcher: Und ich für mich auch. Ich kann Positives verstärken und an anderen Punkten Widerstand leisten. Dasselbe gilt für jeden anderen Menschen auch. Nehmen wir das Beispiel Nike: Der Druck von kritischen Journalisten und der US-amerikanischen Konsumentenschutzorganisation war so groß, dass Nike jetzt sehr wohl darauf schaut, Kinderarbeit zu vermeiden. Wenn Sie und ich uns beschweren, wird noch nichts passieren. Wenn es zehn Leute­ tun, auch nicht. Aber wenn 100 Konsumenten nachfragen­ ... So entsteht soziale Veränderung: Es braucht immer den ersten und den zweiten Menschen, die sich mit einem dritten zusammen­tun.

Warum hat es Sie dazu gedrängt, die an sich nicht neue Erkenntnis zu bearbeiten, dass man die Welt im Großen verändern kann, indem man Kleines in seiner eigenen Umgebung tut?

Salcher: Ich will mir nicht in zehn, 15 Jahren vorwerfen lassen, ich hätte meine eigenen Möglichkeiten als Au- tor nicht genutzt. Wir können diskutieren, ob es fünf oder drei vor zwölf ist. Fix ist: Es ist knapp vor zwölf, die Dinge sind aus der Balance­. Und das spüren viele.

Ist ethisches Verhalten für Sie die Folge eines kategorischen Imperativs oder dem Menschen angeboren?

Salcher: Der Mensch hat immer die Wahlmöglichkeit, daran glaube ich fest. Eine für mich extrem spannende Frage ist, warum Menschen in totalitären System von Mitläufern zu Widerständlern geworden sind. Deutsche Wissenschafter haben herausgefunden, dass das keine moralisch prädestinierten Menschen waren, keine Idealisten – oft sind es Kleinigkeiten, die den Anstoß geben, die Seite zu wechseln. Man muss zunächst nur wachsam sein. Um gefährliche Entwicklungen zu erkennen, brauche ich keinen kategorischen Imperativ. Und ich glaube, es gibt einige extrem gefährliche Entwicklungen.

Reden wir jetzt von globalen oder regionalen Themen?

Salcher: Beides! Ich bin kein großer Umweltaktivist, aber ich sehe, dass wir die erste Generation sind, die in Sachen Ressourcenverbrauch gleich auf mehrere Generationen vorgreift. Aber wo bleibt der Aufstand zum Beispiel gegen die unwiderbringliche Zerstörung der Arktis durch Ölbohrungen? Wenn eine Million Europäer sagte, wir wollen das nicht, wir boykottieren Exxon, dann würde es nicht passieren.

Ich sehe weit und breit keinen Aufstand gegen irgendwelche Ölproduzenten: VW hat soeben das beste Jahresergebnis aller Zeiten verkündet, BMW frohlockt über ein Rekordjahr ... und da reden wir nicht von sparsamen Kleinwägen.

Salcher: Natürlich gibt’s Exzesse wie SUVs. Wozu brauche ich in der Wiener Innenstadt einen SUV? In Tirol ist es ja noch etwas anderes.

Auch bei uns leben nicht nur Landärzte und Hütten­wirte.

Salcher: Es gab immer Zeitalter der Dekadenz, aber eben auch immer Gegenbewegungen. Und die sehe ich sehr wohl. Die zehn Prozent Hardcore-Ignoranten sind mir egal, die zehn Prozent Idealisten­, die viel weiter sind als ich, kann ich bestenfalls bestärken. Das Entscheidende für mich sind die 80 Prozent dazwischen. An die richte ich mich mit meinem Buch.

Das Meiste, was Sie beschreiben, könnten 100 Prozent der Menschen wissen, den Medien entnehmen, es selbst ohne­ größeren Aufwand recherchieren. Woher nehmen Sie den Optimismus, dass Sie etwas bewirken können?

Salcher: Wenn Sie den richtigen Gedanken zum richtigen Zeitpunkt bestärken, pflanzt er sich fort.

Ich vermute ja, dass bei Leserinnen und Lesern Ihres Buches auch der Kochshow-Effekt eintreten könnte: Man fühlt sich allein dadurch, dass man sich im Fernsehen anschaut, wie anständiges Essen geht, bedeutend besser – und schiebt sich dann eine Tiefkühlpizza in die Mikrowelle.

Salcher: Ich gehe davon aus, dass meine Leser wenigstens mit einem nicht mehr ganz so guten Gefühl zur Tiefkühlpizza greifen! Bevor sich das Handeln verändert, verändert sich immer das Bewusstsein.

Die Kulturphilosophen sind sich einig darüber, dass wir in einer Zeit des Umbruchs, eines Paradigmenwechsels leben. So etwas passiert aber fast nie durch Evolution, sondern meistens durch Revolutionen.

Salcher: Die Welt ist ja tatsächlich im Krieg.

Das ist sie immer.

Salcher: Genau. Es ist nicht zu bestreiten: Wenn das Ungleichgewicht irgendwo zu groß wird, kippen Systeme­. Wir leben in Öster­reich auf einer Insel der Seligen, aber die Probleme – ob ökologische, soziale, politische – rücken beständig näher. Zu glauben, dass uns die Welt nicht betrifft, ist eine Illusion.

Auch dieser Befund ist sonnenklar.

Salcher: Also muss man etwas dagegen tun! Nur ein Beispiel: Wenn wir die 15 Prozent völlig chancenlosen Schüler aus sozial schwierigsten Verhältnissen in die teuersten Privatschulen schickten, käme es uns nachweislich auf lange Sicht wesentlich billiger, als uns zwölf Jahre nicht um sie zu kümmern und sie dann 40 Jahre durch Arbeitslosigkeit, Kriminalität etc. zu schleppen. Aber den Konservativen ist diese Problematik gleichgültig, und die Sozialdemokraten und die Grünen setzen darauf, den Leuten das bisschen Sozialhilfe zu geben, das sie irgendwie am Leben hält. Beides ist falsch.

Warum haben Sie die Dinge nicht geändert, als Sie selbst – wenn auch als Schwarzer im roten Wien – Politiker waren?

Salcher: Ich selbst komme aus kleinen Verhältnissen und hatte das Glück, immer Menschen zu finden, die mich unterstützten. Aus unserem Gemeindebau war ich der Einzige, der ins Gymnasium ging.

Sie haben von Kreiskys Politik profitiert und wurden trotzdem ein ÖVP-Mann?

Salcher: Ich war mit 16 ein Linker und habe mich wirklich sehr bemüht, Marxist zu werden. Aber ich war halt immer für Unternehmertum und für Leistung. Das war hemmend für meine marxistische „Karriere“, zwei Jahre später gründete ich die Junge ÖVP im 23. Bezirk. Meine größte Sorge dort war, dass die mich fragen, ob ich in die Kirche gehe.

Das scheint kein Pro­blem gewesen zu sein.

Salcher: Nein, aber meine Partei hat mich zweimal vor die Tür gesetzt. Ich war mit 26 jüngster Landtagsabgeordneter und dachte, mit spätestens 30 würde ich Minister sein. Mit 30 war ich dann der jüngste Ex-Abgeordnete und das war gut so, weil ich damals begonnen habe, meine Firma aufzubauen. Zurück ging ich, als Bernhard Görg Obmann wurde und mich zum Stellvertreter machte. 2005 stellte mich die Partei zum zweiten Mal nicht mehr auf und das hat mir noch besser getan als das erste Mal. Ich wäre sonst nicht dort, wo ich bin.

Warum konnte die ÖVP nicht mit Ihnen?

Salcher: Weil ich ein sehr kritischer Geist bin und zu oft gegen eine der wichtigsten politischen Grundregeln verstoßen habe: „Wenn’s ernst wird, halt’ einfach den Mund.“ Das ist nicht meine Kernkompetenz.

Wo ordnen Sie sich heute politisch ein?

Salcher: Momentan fühle­ ich mich als liberaler Bürgerlicher­ sehr wohl.

Sie sind nach eigenen Angaben Single und kinder­los – warum?

Salcher: Ich hatte vier tolle Beziehungen in meinem Leben, es gibt auch jetzt eine Frau in meinem Herzen. Aber ich rede nicht öffentlich über Privates.

Für wen fühlen Sie sich in Ihrem Leben konkret verantwortlich?

Salcher: Am stärksten für meine Eltern. Meine Herzensarbeit ist, mit meiner Mutter zumindest täglich zu telefonieren und sie möglichst oft zu besuche.

Zweifeln Sie manchmal daran, dass Sie das Richtige­ tun?

Salcher: Natürlich. Nur der Ignorant hat keine Zweifel. Ich habe Freunde, die mich sehr kritisch begleiten, und ich mache meine eigene menschliche Weiterentwicklung mit meinen Büchern­ durch.

Wer so viel Zustimmung erfährt wie Sie, der provoziert auch viel Widerspruch. Gefallen Sie sich in der Rolle des umstrittenen Populären?

Salcher: Solange der Zuspruch den Widerspruch so deutlich überwiegt, kann ich gut damit leben.

Gehen Sie sich manchmal selbst auf die Nerven­?

Salcher: Ja – wenn ich in alte Muster zurückfalle.

Bezogen worauf?

Salcher: Vor großen Dingen­ fürchte ich mich relativ wenig. Aber ich bin so ein Typ, der Angst hat, ein Flugzeug zu versäumen und dann hektisch wird. Oder ich warte auf drei wichtige Nachrichten und kriege gleich in der Früh zwei negative SMS. Dann trete ich einen Schritt zurück, atme durch und frage mich: „Ist das jetzt wirklich relevant? Wird es am Ende eine ernste Rolle gespielt haben, ob mir der jetzt abgesagt hat?“ Die Antwort ist: „Eigentlich nicht.“ Und dann geht’s mir wieder besser.




Kommentieren