Letztes Update am Mo, 30.09.2013 22:23

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Literatur

Als das Städtchen Longarone im Schlamm versank

Vor 50 Jahren tötete ein Tsunami, der vom italienischen Vajont-Stausee ins Tal stürzte, 2000 Menschen. Eine Zeugin erzählte in Innsbruck von der Kraftwerk-Katastrophe.



Von Sabine Strobl

Innsbruck – Die 60er-Jahre waren die Zeit der Wasserkraftwerke, immer größere und wagemutigere wurde gebaut. Das Prestige-Projekt im Vajont-Tal ging auf die Zeit Mussolinis zurück. Trotz des Widerstands der Bevölkerung, bedenklicher Erdbeben und der Warnungen von Gutachtern auch aus Österreich baute der Stromerzeuger SADE die damals größte Bogenstaumauer der Welt. In der Nacht vom 9. Oktober 1963 kam es zur Katastrophe. Ein Bergrutsch am gefürchteten Monte Toc war die Ursache. Gigantische Mengen von Gestein stürzten in den Stausee, der 150 Millionen Kubikmeter Fassungsvermögen hatte. Eine 140 Meter hohe Flutwelle ergoss sich ins Tal. Das Städtchen Longarone wurde komplett zerstört. Von den 1400 Einwohnern überlebten 40.

Unter ihnen war Clara Fontanella, eine der „Vergessenen von Longarone“, wie Jeannine Meighörner sagt. Die in Innsbruck lebende Autorin hat die Lebensgeschichte von Clara Fontanella jetzt in einem Buch aufgearbeitet. Zur Präsentation ist Fontanella mit ihrem Sohn Sergio nach Innsbruck gekommen. „Mein Mann und ich haben nie über das Unglück geredet“, sagt sie im Gespräch mit der TT. Vielleicht war es für viele Jahre ein Schutzverhalten.

Clara Fontanella und ihr Mann Riccardo waren „Eismacher“ und damit noch vor den Pizzaköchen gefragte Gastarbeiter in Deutschland. Sie erinnert sich, wie ihr Mann an diesem 9. Oktober beim ersten Grollen gesagt hat: „Das ist jetzt der Stausee.“

„Wir haben nach der Flutwelle nicht geweint. Ich hatte noch eine Unterhose und eine Jacke. Fünf Stunden gingen wir ins Dorf meiner Eltern. Das Haus in Longarone gab es nicht mehr. Nur Sand. Dann haben wir 40 Tage die Toten gesucht. Den Geruch wurde ich viele Jahre nicht los.“ Riccardo Fontanellas Familie wurde ausgelöscht, lange nicht alle Toten gefunden. „Wer so eine Katastrophe überlebt, wird stark“, weiß Fontanella heute. Mit ihrem Mann betrieb sie in Deutschland eine Eisdiele. Nach seinem Tod stieg Sohn Sergio ins Gewerbe ein.

Die „Katastrophe von Longarone“ wurde lange von Energiebetreiber und Staat als Naturunglück dargestellt, Entschädigungen zurückgehalten. 1969 kam es zu gerichtlichen Verurteilungen. In den 70er-Jahren wurde ein neues Longarone errichtet. Wie sich Fontanella erinnert, befürchtete die Familie schon lange ein Unglück durch das aufgestaute Wasser. Der Monte Toc galt als „wandernder Berg“. Sergio Fontanella nennt ihn „Seifenberg“ . Er hat sich lange mit der Katastrophe befasst: „Man hat für Geld in Kauf genommen, dass Menschen sterben.“ Die Energie durch Wasserkraft betreffe den ganzen Alpenraum. So plädiert er für einen sorgsamen Umgang.




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