Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 04.07.2014


Literatur

Der Wille zum Widerstand

„Ich kritisiere nicht. Ich lehne ab.“: In ihrem neuen Roman „Nachkommen.“ demaskiert Marlene Streeruwitz den schönen Schein des gegenwärtigen Literaturbetriebs.

Mit ihrem Roman „Die Schmerzmacherin.“ stand Marlene Streeruwitz 2011 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

© Peter RigaudMit ihrem Roman „Die Schmerzmacherin.“ stand Marlene Streeruwitz 2011 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Ungeschönte Beschreibungen werden gern durch die etwas unbeholfene Zuschreibung „Satire“ entschärft. Der neue Roman von Marlene Streeruwitz zum Beispiel liest man, sei eine „Satire über den Literaturbetrieb“. Nun ist „Satire“ ein etwas bildungsbeflisseneres Wort für „Spottgesang“ – und wirkt im Zusammenhang mit „Nachkommen.“ schon allein deshalb deplatziert, weil Streeruwitz nicht spottet. Dafür ist die Sache zu ernst: „Nachkommen.“ ist also keine Betriebs-Satire, sondern eine Abrechnung mit dem Betrieb. Mit jenem dominanten Teil des Betriebs jedenfalls, der mit virtuos aufgefädelten Wortperlen, Landlust-Krimis und hipper Befindlichkeitsprosa gierig versucht, den Glanz vergangener Zeiten zu konservieren.

Manche Schilderung der fraglos fragwürdigen Rituale der Branche mögen etwas zugespitzt, mancher Akteur etwas überzeichnet sein, aber im Grunde sind die Feststellungen, die Streeruwitz ihrer Protagonistin in den Mund legt, die eingangs erwähnten, ungeschönten Beschreibungen eines von Gewinnmaximierung und größtmöglicher Vermarktbarkeit getriebenen Betriebs, der sich von einer Krise in die nächste rettet.

Besagte Protagonistin, Nelia Fehn, hat es mit ihrem ersten Roman „Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“ – einer „hübschen, kleinen Odyssee“, wie ein jovial herablassender Großkritiker meint – auf die Shortlist des im Rahmen der Frankfurter Buchmesse vergebenen Deutschen Buchpreises geschafft. Das Preisgeld – immerhin 25.000 Euro – käme der 20-Jährigen ziemlich gelegen: Die Verhältnisse sind prekär, selbst für einen Secondhand-Mantel reicht das Ersparte nicht. Außerdem gilt es, die Operation ihres griechischen Freundes Marios zu bezahlen, dem bei Protesten gegen die EU-Troika die Beine gebrochen wurden. Nelia wird den Preis übrigens nicht erhalten.

Aber den Anforderungen der Branche, die auf ein neues „Fräuleinwunder“ hofft, auf eine Autorin also mit ausreichend formbarer Persönlichkeit für ein dreiminutiges Image-Video, kann Nelia nicht entsprechen. Selbst wenn sie wollte. Und ob sie will, weiß sie zunächst wohl selbst nicht genau. Anders als Streeruwitz selbst, die 2011 mit ihrem Roman „Die Schmerzmacherin.“ für den Deutschen Buchpreis nominiert war, ist ihre Heldin mit den Spielregeln der Branche noch nicht vertraut. Vor allem aber hat Nelia andere Sorgen: Am Tag der Preisverleihung wird ihr Großvater begraben, die Trauer über den Tod ihrer Mutter, die auch Autorin war, ist noch nicht überwunden und ihr Vater, ein Frankfurter Germanist, mit dem sie bislang ein hasserfülltes Nichtverhältnis verband, sucht den Kontakt zu ihr. Gut, der Familienroman, der „Nachkommen.“ auch ist, wirkt etwas arg konstruiert, aber nimmt man das hin, gibt es für die Melange aus Unsicherheit, Verwirrung und Willen zum Widerstand kein anschaulicheres Stilmittel als das typische Streeruwitz-Stakkato.

Diese Sätze, die immer wieder abbrechen und immer wieder neu ansetzen, unterstreichen Nelias sich Bahn brechende Erkenntnis, wie schlecht es um die Literatur bestellt sein muss, wenn alternde Männer beim Schampusempfang über Bücher und übers Büchermachen reden, es also nur um das zu verscherbelnde Produkt geht und nicht um die ins Buch gepackten Ideen und Erzählungen – und sich ein Journalist ernsthaft fragt, ob Nelia ihrem Zorn über die gegenwärtigen Verhältnisse nicht besser in Form eines „Facebook-Romans“ Luft machen sollte. In einem anderen Mediengespräch – Nelias erstem Fernsehinterview – fällt dann auch der vielleicht programmatischste Satz des ganzen Romans: „Ich kritisiere nicht. Ich lehne ab“, erklärt sie – und holt dadurch eine andere Facette von Nachkommensein auf den Punkt. In Griechenland und anderswo gehen die Jungen auch deshalb auf die Straße, weil sie es leid sind, für die Fehler der Elterngeneration zu bezahlen. Diesen Zorn über vererbte Verbindlichkeiten hat sie zum Motor ihres Romans gemacht.

Wie dieser Roman aussieht, kann im September in Erfahrung gebracht werden. Dann erscheint „Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“ tatsächlich. Auf dem Cover wird Nelia Fehn stehen, aber geschrieben hat ihn – natürlich – Marlene Streeruwitz.

Roman. Marlene Streeruwitz: „Nachkommen.“ S. Fischer, 439 Seiten, 20.60 Euro.